Von Thomas Pfaffe
Fast drei Jahrzehnte lang saß ein Brite zu Unrecht im Gefängnis. Erst moderne DNA-Tests haben die Unschuld des Mannes beweisen können, der nun nach 27 Jahren wieder auf freien Fuß kommt. Ein Gericht hat das Mordurteil gegen den heute 57-Jährigen aufgehoben.
Ein Berufungsgericht in London kippte heute ein Mordurteil aus dem Jahr 1982, weil der damals Verurteilte laut DNA-Test nicht der Täter war. Er konnte das Gerichtsgebäude als freier Mann verlassen. Der 57-Jährige ist Opfer eines der spektakulärsten Justizirrtümer der britischen Geschichte. Er war 1982 wegen Vergewaltigung und Mordes an einer Barfrau (22) zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Der Mann hatte die Tat damals zugegeben, sich aber auch anderer Verbrechen bezichtigt, die er nicht begangen haben konnte. Zur Zeit der Verurteilung waren DNA-Tests noch nicht möglich. «Wer immer die Frau vergewaltigt hat, es kann anhand der neuen Erkenntnisse nicht der Verurteilte gewesen sein», sagte der Richter. Wäre die Wissenschaft damals schon so weit gewesen, hätte es eine ganz andere Untersuchung und einen anderen Prozess gegeben.» Von der Anklage kam kein Widerspruch.
Nachdem sein Name reingewaschen war, zeigte sich Sean Hodgson kurz der Öffentlichkeit. Das Gericht hatte er am Morgen noch durch einen Nebeneingang betreten, nun stand er am Hauptportal, gestützt und sichtlich gebrechlich am Arm seines Bruders. «Ich danke den Anwälten viele tausend Mal. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen», sagte Hodgsons Bruder.
Das Gericht befand, dass viele wichtige Fragen unbeantwortet sind. «Wir wissen nicht, wer die Frau vergewaltigt und umgebracht hat», sagte der Richter. Im Namen von Hodgson und der Familie des Opfers hoffe er, dass der Mörder gefunden und verurteilt werde.
Die Barfrau war 1979 vergewaltigt und erwürgt worden. Gegenüber einem Priester und den Ermittlern hatte Hodgson die Tat gestanden. Aber obwohl er offensichtlich einen Drang hatte, Verbrechen zuzugeben, die er gar nicht begangen hatte, wurde sein Geisteszustand nicht unter die Lupe genommen.
Aufgrund seines früheren Geständnisses und Blutspuren am Tatort war Hodgson von einer Geschworenenjury einstimmig verurteilt worden. Dabei hatte er das Geständnis längst widerrufen. Und die Blutspuren stimmten zwar mit seiner Blutgruppe, aber auch mit dem Blut eines Drittels der männlichen Bevölkerung überein. Erst vor wenigen Monaten beantragte ein neues Verteidigerteam einen DNA-Test. Ergebnis: Das Sperma des Vergewaltigers stammte nicht von dem Verurteilten.
Wegen des Justizirrtums könnte der 57-Jährige nun Anspruch auf eine Entschädigung von mindestens einer Million Pfund (1,07 Millionen Euro) haben, hatten Medien schon zuvor spekuliert. Der Fall ist in Großbritannien nur mit dem eines Mannes vergleichbar, der fälschlicherweise wegen Mordes an einer Schreibkraft verurteilt worden war und im Jahr 2002 ebenfalls nach 27 Jahren entlassen wurde.
Zwar ist gar nicht klar, ob der wirkliche Täter 30 Jahre nach dem Verbrechen noch lebt, die Polizei hat aber ihre Untersuchungen wieder aufgenommen. Mit Hilfe der DNA soll der Mörder aufgespürt werden, sagte Ermittler Philip McTavish. «Die Ermittlungen werden sich lange hinziehen, aber wir sind fest entschlossen, die Untersuchungen fortzusetzen».
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