Fr., 25.05.12

Privatsphäre als Wert 10.04.2009 «Datenschutz bedeutet Datensparsamkeit»

Lutz Prechelt (Foto)
Lutz Prechelt, Informatiker an der FU Berlin, hat sich immer wieder mit dem Datenschutz in Deutschland beschäftigt. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Sebastian Haak

Die Grundfrage ist einfach: Warum legen viele Menschen in Deutschland heute eigentliche Wert darauf, ihre Privatssphäre zu schützen? Eine Antwort: Weil Datenschutz inzwischen ein gesellschaftilcher Wert ist. Ein Interview.

Dass es Menschen gibt, die ihre IP-Adresse im Netz verschleiern und es viele beunruhigt, wenn ihre Adresse und Telefonnummern bei dubiosen Briefkastenfirmen bekannt sind - das sind Auswirkungen des zeitgenössischen Verständnisses von Datenschutz. Aber wo kommt das her? Über diese Frage sprach news.de mit dem Informatiker Lutz Prechelt von der Freien Universität Berlin.

Herr Prechelt, seit wann ist der Datenschutz in Deutschland ein wichtiger gesellschaftlicher Wert?

Prechelt: Die entscheidende Wegmarke war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1983 zur «Informationellen Selbstbestimmung». Hintergrund war die geplante Volkszählung, gegen die es viel Widerstand in der deutschen Bevölkerung gab. Die Entscheidung hat das Bundesdatenschutzrecht völlig umgestaltet.

Inwiefern?

Prechelt: In den späten 1960er Jahren plante die Regierung im Zug der APOAPO steht für Außerparlamentarische Opposition. Gemeint sind damit Kräfte, die sich in den späten 1960er Jahren nicht auf dem Wege der parlamentarischen Demokratie, sondern auf der Straße gegen das bestehende politische System der Bundesrepublik wandten. Aus einem Teil der APO gingen auch die RAF-Terroristen hervor. Eng verknüpft war die APO mit den Studentenbewegungen des Jahres 1968. -Unruhen eine schärfere Datenerfassung. Nach den darauf folgenden Debatten kam 1977 das erste Bundesdatenschutzgesetz. Das sollte in erster Linie aber die erhobenen Daten und nicht die Menschen hinter diesen schützen. Das Urteil von 1983 hat die Perspektive dann umgedreht: Von nun an standen mehr die Personen im Vordergrund des Datenschutzes. Die Wahrnehmung von Datenschutz hatte sich geändert. Und das hat dazu geführt, dass es 1990 ein in wesentlichen Teilen überarbeitetes Datenschutzgesetz gab – und das ist noch immer der Kern aller geltenden Regeln.

Welche Idee liegt denen zu Grunde? Es wird immer wieder pauschal über Datenschutz gesprochen. Aber was das genau meint, weiß eigentlich kaum jemand.

Prechelt: Die Grundidee ist, dass ein Mensch das Recht hat zu wissen, wer was über ihn gespeichert hat, was mit diesen Daten passiert und dass der Anspruch besteht, fehlerhafte Daten korrigieren zu lassen. Außerdem bedeutet Datenschutz heute vor allem Datensparsamkeit. Das heißt, es sollte nur gespeichert werden, wenn es nicht anders geht.

Trotzdem ist Datenschutz auch nach der Entscheidung von 1983 wieder aus dem Blickpunkt des Interesses gerückt. Erst in den letzten zwei, drei Jahren wird wieder öffentlich über mehr Datenschutz diskutiert. Warum?

Prechelt: Ich denke, das hat viel mit dem kriminellen Potential zu tun, das dem Missbrauch von Daten im Zeitalter des Internets innewohnt. Da das Internet jeder nutzt, fühlt sich nun auch jeder bedroht. Die Leute reagieren unterschiedlich auf dieses Gefühl. Da sind die, die sich zurückziehen. Sie nutzen weder Ebay noch Amazon und auch kein Online-Banking. Auf der anderen Seite gibt es dann jene, die sich fragen, wie sie die Menge oder Art der Daten einschränken können, die sie von sich preisgeben.

Lesen Sie auf Seite 2, warum der Hype um StudiVZ und Co. vergänglich sein könnte

Und es gibt offensichtlich noch eine dritte Gruppe: Die Menschen, die die sozialen Netzwerke wie StudiVZ oder auch Xing jede Menge, teilweise sehr persönliche Daten von sich ins Netz stellen. Werden die Deutschen mit ihren Daten wieder freizügiger?

Prechelt: Da bin ich mir nicht sicher. Ich kann mir gut vorstellen, dass StudiVZ und Co. Übergangsphänomene sind, weil gerade junge Leute heute vor allem die Vorteile dieser Netzwerke sehen. Das ist ein hedonistischer Ansatz. Aber wenn in größerem Maße Pannen passieren – zum Beispiel, das man vom Personalchef auf die letzten Partybilder angesprochen wird –, dann geht man in Zukunft vielleicht bedächtiger damit um. In fünfzehn Jahren könnten die Kindern dann von ihren Eltern lernen, wie wichtig Datenschutz ist. Und dann fangen die vielleicht an, sich zu mäßigen, wenn es um die Freigabe von persönlichen Daten geht. Die andere Möglichkeit ist aber selbstverständlich, dass sich das Verständnis von Datenschutz in der Gesellschaft wieder wandelt. Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus beidem werden.

Wenn wir über die Zukunft reden: Wie wird denn Datenschutz in Deutschland ihrer Meinung nach in 15 oder 20 Jahren aussehen?

Prechelt: Wie sich Datenschutz als Wert entwickeln wird, ist schwer zu sagen. Dass man gerade an neuen Regeln dazu arbeitet, finde ich richtig. Gegenwärtig gibt es viel zu viele Graubereiche in dieser Hinsicht. Wichtiger ist aber, den vorhandenen Strafrahmen voll auszuschöpfen. Laut Bundesdatenschutzgesetz sind bis zu zwei Jahre Haft für Verstöße gegen Datenschutzrecht möglich... Und was die Zukunft angeht: Wahrscheinlich ergänzen dann technische Konzepte gesetzliche Bestimmungen zum Datenschutz. Es gibt schon heute Ideen und Projekte in dieser Richtung. Die werden aber im Moment nicht von der Öffentlichkeit nachgefragt, schon weil nur wenige wissen, dass es so etwas gibt.

Was für Konzepte?

Prechelt: Solche, die dem Benutzer die unmittelbare Kontrolle über seine Daten geben sollen. Der Gegenüber eines Nutzers muss ja nur dann die Möglichkeit haben, dessen echte Identität zu prüfen, wenn der sich hat etwas zu Schulden kommen lassen. Wenn das nicht der Fall ist, könnte man zum Beispiel über eine Art notariell hinterlegtes Pseudonym im Internet unterwegs sein und so seine Daten schützen.

Lesen Sie auf Seite 3, welche Rolle Google für das Verständnis von Datenschutz spielt

Springen wir zum Abschluss noch einmal zurück in die Gegenwart. Wenn sich der Umgang mit Daten sowohl als Wert als auch technisch wandelt – welche Rolle spielt Google bei all dem?

Prechelt: Google ist etwas ganz Neues. Das von einem Konzern so wertvolle LeistungenGoogle bietet nicht nur seine Suchmaschine im Internet kostenfrei an, sondern unter anderem auch Kartenmaterial, eine Vorschau auf eingescannte Bücher. Außerdem bietet der Konzern die Möglichkeit, Dokumente und persönliche Organizerdaten auf seinen Servern zu speichern, so dass diese von überall auf der Welt über das Internet abrufbar sind. massenhaft verschenkt werden, ist bisher noch nicht dagewesen. Und wer sich das vergegenwärtigt, der kann wieder zu zwei Schlussfolgerungen kommen; je nachdem, wie paranoid man ist. Die eine ist: Google verdient mit Werbung Geld und das ist völlig in Ordnung. Die andere: Den Datenberg, den Google anhäuft, wird man so leicht nicht wieder los. Und das kann bedrohlich sein. Beides sind nachvollziehbare Haltungen.

Wie sehen Sie Google? Oder um es anderes auszudrücken: Wie paranoid sind Sie?

Prechelt: Es ist schon bedrohlich, dass Google nicht genau sagt, was es mit den Daten macht. Und wenn man daran denkt, dass das US-Datenschutzrecht im Vergleich zu unserem rudimentär ist, dann ist die Vorstellung von einem Datenmoloch schon ein bisschen unheimlich. Solange ich im Internet nur als anonyme IP-Adresse auftrete, ist das eine Sache. Aber ich habe schon Sorge davor, wenn die IP-Adresse mit anderen Daten zusammengeführt und der Mensch dahinter sichtbar wird.

Wie gehen Sie dann mit Google und dem Internet um?

Prechelt: Ich versuche sparsam mit meinem Daten umzugehen, bin aber zu bequem, um völlig auf Google zu verzichten. Ich nutze das Suchmaschinenangebot des Konzerns, auch wenn ich weiß, das meine Suchanfragen dort gespeichert werden. Und aus diesen Daten ließe sich ja schon so etwas wie ein Persönlichkeitsprofil erstellen. Aber ich nutze zum Beispiel nicht deren E-Mail-Programm Google Mail.

Lutz Prechelt ist Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin. Er wurde 1965 in Bielefeld geboren. Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit beschäftigte er sich immer wieder mit dem Datenschutz in Deutschland.

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