Von Jörg Dräger
Es wird eng auf dem Ausbildungsmarkt. Experten rechnen für 2009 mit 35.000 Ausbildungsverträgen weniger als 2008. Schon jetzt überbrücken viele Jugendliche nach der Schule Wartezeiten durch Übergangsmaßnahmen. Doch ein System dafür gibt es nicht.
Auch der Bundesbildungsbericht 2009, den die Bundesregierung für April angekündigt hat, rechnet ersten Informationen zufolge mit einer Reduktion des Ausbildungsangebots. Dabei hat der Nationale Pakt für Ausbildung nach den vorliegenden Zahlen durchaus funktioniert: Mehr als 615.000 neue Ausbildungsverträge wurden zwischen Anfang Oktober 2007 und Ende September 2008 geschlossen. Die Wirtschaft hat damit ihre freiwillige Selbstverpflichtung im Rahmen des Paktes deutlich übertroffen.
Doch es rächt sich, dass die grundlegende Reform des Ausbildungssystems nicht rechtzeitig eingeleitet wurde. Denn dass die Zahl an Ausbildungsplätzen sinken wird, ist nur ein Teil des Problems. Nach wie vor schiebt der Lehrstellenmarkt eine Bugwelle an Altbewerbern vor sich her. Sie machten 2008 rund die Hälfte der registrierten Bewerber aus. 1997 lag ihr Anteil noch bei rund 38 Prozent.
Mehrere hunderttausend Jugendliche müssen derzeit nach Verlassen der Schule in die Warteschleife. Weil sich für sie kein regulärer Ausbildungsplatz findet, landen sie in einer schulischen Maßnahme, in einem berufsvorbereitenden Kurs oder einem Praktikum: im sogenannten Übergangssystem. Bei diesem Terminus handelt es sich allerdings im doppelten Sinn um Etikettenschwindel: Der Flickenteppich von Einzelmaßnahmen schafft nur selten Übergänge zwischen Schule und Arbeitswelt - und er ist überwiegend systemfrei. Wenn nun strukturelle Reformen unausweichlich werden, muss daher an erster Stelle die Beseitigung des undurchschaubaren Maßnahmendschungels stehen.
So könnte die Lösung aussehen: Für nicht ausbildungsreife Jugendliche schaffen wir individuelle Ansätze, Ausbildungsreife zu erlangen - und wir garantieren ihnen eine abschlussorientierte Berufsausbildung, wenn sie das schaffen. Ausbildungsreife Jugendliche ohne Lehrstelle erhalten keine Übergangsmaßnahmen mehr. Stattdessen bekommen sie das vermittelt, was sie zur Ausübung eines anerkannten Ausbildungsberufes brauchen. Diese - andere - Form der Ausbildung sollte unter Berücksichtigung regionaler Gegebenheiten im Wesentlichen durch Betriebe, berufliche Schulen und Bildungsträger erfolgen.
Das geht nur, wenn diese unterschiedlichen Formen der Ausbildung aufeinander abgestimmt werden. Eine modulare Ausbildung - jeder Baustein standardisiert - wäre ein Weg. Dies ermöglicht auch mehr Durchlässigkeit der beruflichen Bildung in Richtung Hochschule. Sonst wird sie bald als System der Leistungsschwachen gebrandmarkt werden.
Jörg Dräger (41) ist seit 2008 Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung für den Bereich Bildung sowie Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Zuvor war Dräger (parteilos) Wissenschaftssenator in Hamburg.
iwi/mas