Mit Bart an der Bar
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Von news.de-Redakteur Frank Meinzenbach
Artikel vom 16.03.2009Zeit wieder etwas zu schreiben: Der Bart hat mich schmerzvoll daran erinnert, als eben ein Haar im Reißverschluss meines Wohlfühlpullovers hängen geblieben ist. Ein Bericht über Selbstzweifel, Mutlosigkeit und Lichtblicke.
Gerade eben musste ich genau nachzählen, wie viele Tage schon rum sind - die Aktion zieht sich wirklich. 0,4 Millimeter am Tag sollen Barthaare im Durchschnitt wachsen. 8,4 Millimeter müsste mein Bart mittlerweile lang sein. Ist er aber nicht, ich Versager. Dennoch sehe ich schon ordentlich ungepflegt aus.
Oder habe ich nur ein Problem mit meinem Selbstbewusstsein? Eines ist sicher: Ich bin noch viel gehemmter als sonst, auf Frauen zuzugehen. Dabei hat eine Studie der Uni Kiel ergeben, dass Männer mit Bart als intelligenter und attraktiver eingestuft werden. Klingt unglaubwürdig - kann auch daran liegen, dass es nur eine Diplomarbeit war. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die alles entscheidende Frage nicht gestellt wurde: ob Bartträger bei Frauen als potenzielle Partner ankommen. Vielen Dank, Elfenbeinturm Uni Kiel.
Da blieb nur der Feldversuch. «Ach Quatsch, das sieht doch überhaupt nicht schlimm aus», sagte die Strahlende, meine Bekanntschaft vom vergangenen Freitag. Ich musste schlucken, was mit einer staubtrockenen Kehle schlecht funktioniert. Nur dreißig Minuten vorher waren wir Fremde, hatten uns mir nichts, dir nichts im Gedränge zwischen Bar und Tanzfläche kennen gelernt, uns beide gleichzeitig über einen Vollpfosten vor uns aufgeregt. Ein Zufall hat also zum Gespräch geführt. Danke dir, Vollpfosten.
Erste Gesprächshürden wurden erstaunlich locker genommen, wir begannen uns in der Unterhaltung wohl zu fühlen. Zumindest bis zu diesem von ihr geäußerten Satz über meinen Bart. Warum muss ich immer so verkrampfen, wenn ich jemanden auch nur halbwegs interessant finde? Nur ein einziger Satz, und ich hatte das Gefühl, nicht mehr auf Augenhöhe zu sein. War das nett gemeint? Oder ein Türöffner? Egal, alle Lockerheit war weg. Ich habe keine Ahnung, ob ich danach offensiver hätte sein sollen, oder vielleicht sogar verzweifelt rübergekommen bin.
Sie ist irgendwann los, musste den nächsten Tag früh raus, nach Hause fahren und arbeiten. Da stand ich nun rum, Glas in der Hand am Rand der Tanzfläche. Ich soll sie in ihrem Buchladen unbedingt mal besuchen, hat sie beim Abschied gemeint.
«Hat sie wirklich ‹unbedingt› gesagt?», versuchte ich während meiner Straßenbahnehrenrunde durch die Leipziger Vororte mehr aus dem Satz herauszuquetschen, als je drin war. Nicht einmal während meines Literaturstudiums habe ich derart intensiv über eine Zeile gegrübelt. Genug Zeit zum Nachdenken hatte ich ja, war ich doch zwei Haltestellen vor meiner Wohnung eingenickt.
Auf der anderen Seite der Scheiben brach der Tag an. Leute stiegen zu, auf dem Weg zu harten Samstagsfrühschichten. Alle vertieft in ihr Leben, müde und allein. Einen schönen Namen hat ihr Buchladen, vielleicht traue ich mich zur Abwechslung wirklich und schau mal rein. Auch wenn der Bart bis dahin noch 0,4 Millimeter länger sein wird.
mik
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