Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Der Klever Polizist Johannes Meurs meint, bei Unglücken wie in Winnenden würden Angehörige oft nicht konsequent genug betreut. Deshalb setzt er auf ein Konzept, bei dem sich ein Team um die Familien der Opfer kümmert. Im Gespräch mit news.de erklärt er, wie und warum.
news.de: Was läuft ihrer Meinung nach bei der Betreuung der Angehörigen von Unfall- und Katastrophenopfern falsch?
Johannes Meurs: Es fehlt an Struktur. Oft herrscht Chaos am Unglücksort, es werden Leute herangeholt, Psychologen und Seelsorger. Die Angehörigen erfahren zeitnah recht wenig darüber, was tatsächlich geschehen ist. Das ist aber wichtig, damit sie psychisch wieder fit werden.
news.de: Was kann da die Polizei tun?
Meurs: Beim Ereignis ist die Polizei immer als erste dabei, sie sammelt sämtliche Fakten. Die Betreuung der Angehörigen übernimmt dann aber ein Seelsorger, und der Polizist ist weg. Niemand weiß mehr genau, was passiert ist. Die Polizei hat normalerweise wenige Schnittstellen zu Psychologen und Notfallseelsorgern. Ich habe eine Frau betreut, deren Sohn im Winter beim Autounfall verunglückt ist. Sie stellte sich lange Zeit vor, er sei erfroren. Ich konnte in die Akte schauen, da stand genau drin, dass er mit Genickbruch sofort tot war.
news.de: Übernehmen Polizisten bei Ihnen dann Aufgaben von Psychologen?
Meurs: Nein, aber es gibt einen Synergieeffekt. Wir haben den Tatort, das Einsatzgeschehen, kennen die polizeilichen Wege. Jeder Suizid, jeder Todesfall wird ja akribisch erhoben. Da können Psychologen andocken. Dadurch sind wir sehr effizient.
news.de: Was hat sie dazu bewoben, ein ganzes Team mit dieser Aufgabe zu betrauen?
Meurs: Wir machen das Krisenmanagement, weil wir wissen, dass Menschen im Dunstkreis des Todes Dinge tun, die sie nachher bereuen. Sie setzen sich kopflos ins Auto und fahren zur Unglücksstelle. Kürzlich hatten wir einen Busunfall, bei dem Kinder verunglückt waren. Am Telefon hatte ich einen Vater, der gerade unterwegs zum Unfallort war. Ich habe ihm gesagt: «Fahren Sie den nächsten Parkplatz an, Sie bekommen von mir alle Informationen aus erster Hand. Vielleicht ist Ihr Sohn ja gerade auf der Gegenfahrbahn ins Krankenhaus unterwegs.» Solche Informationen sind wir vorher schuldig geblieben. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns zeitnah einklinken und die Angehörigen begleiten.
news.de: Wieso funktioniert der Informationsfluss sonst oft so schlecht?
Meurs: Ich gebe wieder ein Beispiel. Ein Verletzter wurde mit dem Hubschrauber zum Krankenhaus geflogen. Jemand am Unfallort wollte es übernehmen, die Freundin anzurufen. Dann ging es dem Verletzten im Hubschrauber plötzlich schlechter, er wurde nach Berlin gebracht und starb kurz vor der Landung. Der, der die Freundin informieren sollte, erfuhr davon nichts, weil sich niemand für die Betreuung der Angehörigen zuständig fühlte. Der Unfall war an einem Freitag, die Frau erfuhr Montagmittag, dass ihr Freund tot war.
news.de: Wie arbeiten Sie in so einem Fall?
Meurs: Der Beamte, der den Unfall aufnimmt, macht einen Einsatzabschnitt Opferschutz auf. Ein Kollege unserer Abteilung klinkt sich in den Fall ein und gibt ihn erst wieder ab, wenn für die Angehörigen alles geklärt ist. Er hält zum Beispiel Verbindung zum Notarzt. Der Frau hätte er vielleicht sagen können, «Er hat nicht gelitten» oder «Er hat noch ‹Ich liebe dich› gesagt».
news.de: Wie sind sie sich der Mängel in der Betreuung, die sie anprangern, eigentlich bewusst geworden?
Meurs: 1996 fingen wir an, Unglücksfälle in Kleve rückblickend zu untersuchen. Ein Jahr danach haben wir uns mit den Angehörigen von Verunglückten zusammengesetzt. Wir haben sie gefragt, wie es ihnen jetzt damit geht, und welche Erwartungen sie an polizeiliche Arbeit haben.
news.de: Hat sich Ihr Ansatz in Deutschland inzwischen durchsetzen können?
Meurs: In Nordrhein-Westfalen weiß ich nur von drei Behörden, die unser System nachgestellt haben. Ich habe in ganz Deutschland unendlich viel referiert und weiß nicht, wo es noch übernommen wurde. Mann muss sehr dicke Bretter bohren.
news.de: Welche Vorbehalte gibt es denn?
Meurs: Es geht viel um Ressourceneinsatz, vom menschlichen Zugang will keiner etwas hören. «Die Seelsorge müssen andere machen», heißt es oft. Und man muss immer aufpassen, dass man niemandem mit Kritik auf die Füße tritt.
Johannes Meurs ist seit 33 Jahren Polizist in Kleve und derzeit Opferschutzbeauftragter der Kreispolizeibehörde.
ruk