Sa., 04.02.12

Der Traum vom Imperium Ein Sockenhändler gibt nicht auf

Von news.de-Mitarbeiterin Anika Galisch

Artikel vom 13.03.2009

Vom Sockenhändler zum Millionär? Lutz Machacek ist weit von diesem Traum entfernt, trotzdem steht er seit zehn Jahren täglich auf Wochenmärkten - egal ob es klirrend kalt oder brütend heiß ist. Ein hartes Geschäft. Besonders wenn man Socken verkauft.

«Ich bin ein Schnäppchen, holt mich hier raus!» steht in Neonschrift an dem tristen Schaufenster in Halle-Neustadt. Das Logo des Ladens ist halb abgerissen. Den zerfallenen Bahnhof im Rücken, führt eine erhöhte Galerie vorbei an leeren Wohnblocks zum Markt. Kaputte Fenster, graue Betonplatten. Eine Treppe aus Metall läuft am Ende der Galerie hinunter auf den Platz, wo täglich die Buden stehen. Von hier oben sieht alles seltsam klein aus: Die Händler, die an rund einem Dutzend Stände ihre Waren anbieten. Seit 1990 ist aus dem Stadtteil die Hälfte der Bewohner weggezogen.

Zwischen Arbeitsagentur, Altenheim und verfallenen Plattenbauten steht heute auch Lutz Machacek und verkauft seine Ware. Das leuchtend gelbe Wagendach, bei dem alle vier Ecken wie Flügel aufgeklappt sind, erkennt man sofort. «Sockenlutz - Strumpfwaren aller Art und mehr...» prangt in übergroßer schwarzer Schrift darauf. Sein Stand ist ein fünf mal vier Meter großes Gitter aus roten Plastikkisten, die bis oben hin mit Rutschstoppsocken, Angorasocken, Zehensocken und fast allem anderen, was auf -socken endet, gefüllt sind.

Dahinter sieht der 1,70 Meter große Machacek recht unscheinbar aus. Er trägt Jeans, Gürteltasche, warme Wanderschuhe und ein graues Fleecestirnband, aus dem die kurzen braunen Haare ungezähmt nach oben stehen. «Ich hab meine eigenen Erzgebirgssocken an. Da muss ich nicht mehrere übereinander ziehen.» Es sind heute nur ein paar Grad über Null.

Seit zehn Jahren steht der 34-Jährige fast täglich auf Märkten, war erst angestellt bei einem Sockenhersteller aus dem Erzgebirge. Als man ihn dort nur noch auf Provisionsbasis bezahlen wollte, machte er sich 2006 selbstständig. Seitdem ist er neben Lutz Machacek auch noch Sockenlutz, besucht regelmäßig elf Märkte im Großraum Leipzig-Halle.

Den Elan dafür hat er von seiner Mutter. Sie war es, die sich nach der Wende mit eigenen Gartenkräutern hier auf den Markt stellte. Ihren Sohn nahm sie mit, ließ ihn bald alleine verkaufen. Gelernt hatte Machacek Anfang der 1990er Jahre zwar Schlosser, nach der Ausbildung aber keinen Job gefunden. Ein Mitarbeiter der Sockenfirma erkannte bei einem Marktbesuch sein Verkaufstalent und stellte ihn ein.
«Den Weg auf den Wochenmarkt sind nach der Wende viele gegangen», sagt Machacek.

Nach der Wiedervereinigung blieb die Zahl der fahrenden Händler in Deutschland einige Jahre konstant. Dann sank sie kontinuierlich: von rund 25.000 im Jahr 1994 auf 8500 im Jahr 2006. Auch in Halle ist das nicht anders. Heute ziehen nur noch 102 Händler auf die fünf Wochenmärkte der Stadt, um ihre Waren anzubieten. Halle hat 230.000 Einwohner.

Für Sockenlutz sieht die Zukunft jedenfalls schwierig aus. Seit Anfang des Monats ist seine Ich-AG ausgelaufen. Ohne Zuschüsse vom Staat muss er jetzt auf eigenen Beinen stehen. Darauf hat er sich vorbereitet: Eigener Onlineshop, ein Mitarbeiter, zusätzliche Messebesuche. «Als Angestellter will ich nicht mehr arbeiten. Da bin ich eigen. Im meinem eigenen Laden läuft es so, wie ich es möchte.»

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