Von news.de-Mitarbeiterin Anika Galisch
Vom Sockenhändler zum Millionär? Lutz Machacek ist weit von diesem Traum entfernt, trotzdem steht er seit zehn Jahren täglich auf Wochenmärkten - egal ob es klirrend kalt oder brütend heiß ist. Ein hartes Geschäft. Besonders wenn man Socken verkauft.
«Ich bin ein Schnäppchen, holt mich hier raus!» steht in Neonschrift an dem tristen Schaufenster in Halle-Neustadt. Das Logo des Ladens ist halb abgerissen. Den zerfallenen Bahnhof im Rücken, führt eine erhöhte Galerie vorbei an leeren Wohnblocks zum Markt. Kaputte Fenster, graue Betonplatten. Eine Treppe aus Metall läuft am Ende der Galerie hinunter auf den Platz, wo täglich die Buden stehen. Von hier oben sieht alles seltsam klein aus: Die Händler, die an rund einem Dutzend Stände ihre Waren anbieten. Seit 1990 ist aus dem Stadtteil die Hälfte der Bewohner weggezogen.
Zwischen Arbeitsagentur, Altenheim und verfallenen Plattenbauten steht heute auch Lutz Machacek und verkauft seine Ware. Das leuchtend gelbe Wagendach, bei dem alle vier Ecken wie Flügel aufgeklappt sind, erkennt man sofort. «Sockenlutz - Strumpfwaren aller Art und mehr...» prangt in übergroßer schwarzer Schrift darauf. Sein Stand ist ein fünf mal vier Meter großes Gitter aus roten Plastikkisten, die bis oben hin mit Rutschstoppsocken, Angorasocken, Zehensocken und fast allem anderen, was auf -socken endet, gefüllt sind.
Dahinter sieht der 1,70 Meter große Machacek recht unscheinbar aus. Er trägt Jeans, Gürteltasche, warme Wanderschuhe und ein graues Fleecestirnband, aus dem die kurzen braunen Haare ungezähmt nach oben stehen. «Ich hab meine eigenen Erzgebirgssocken an. Da muss ich nicht mehrere übereinander ziehen.» Es sind heute nur ein paar Grad über Null.
Seit zehn Jahren steht der 34-Jährige fast täglich auf Märkten, war erst angestellt bei einem Sockenhersteller aus dem Erzgebirge. Als man ihn dort nur noch auf Provisionsbasis bezahlen wollte, machte er sich 2006 selbstständig. Seitdem ist er neben Lutz Machacek auch noch Sockenlutz, besucht regelmäßig elf Märkte im Großraum Leipzig-Halle.
Den Elan dafür hat er von seiner Mutter. Sie war es, die sich nach der Wende mit eigenen Gartenkräutern hier auf den Markt stellte. Ihren Sohn nahm sie mit, ließ ihn bald alleine verkaufen. Gelernt hatte Machacek Anfang der 1990er Jahre zwar Schlosser, nach der Ausbildung aber keinen Job gefunden. Ein Mitarbeiter der Sockenfirma erkannte bei einem Marktbesuch sein Verkaufstalent und stellte ihn ein.
«Den Weg auf den Wochenmarkt sind nach der Wende viele gegangen», sagt Machacek.
Nach der Wiedervereinigung blieb die Zahl der fahrenden Händler in Deutschland einige Jahre konstant. Dann sank sie kontinuierlich: von rund 25.000 im Jahr 1994 auf 8500 im Jahr 2006. Auch in Halle ist das nicht anders. Heute ziehen nur noch 102 Händler auf die fünf Wochenmärkte der Stadt, um ihre Waren anzubieten. Halle hat 230.000 Einwohner.
Für Sockenlutz sieht die Zukunft jedenfalls schwierig aus. Seit Anfang des Monats ist seine Ich-AG ausgelaufen. Ohne Zuschüsse vom Staat muss er jetzt auf eigenen Beinen stehen. Darauf hat er sich vorbereitet: Eigener Onlineshop, ein Mitarbeiter, zusätzliche Messebesuche. «Als Angestellter will ich nicht mehr arbeiten. Da bin ich eigen. Im meinem eigenen Laden läuft es so, wie ich es möchte.»
Sein Geschäft kann der Händler nur finanzieren, weil er noch zu Hause wohnt. In seinem alten Jugendzimmer. Aus Bequemlichkeit, aber auch, weil er sich den Auszug nicht leisten kann. Der 34-Jährige träumt davon, irgendwann eigene Läden zu haben. Eine Kette unter dem Namen Sockenlutz. Daran ist derzeit zwar nicht zu denken, trotzdem sieht er optimistisch in die Zukunft. In den vergangenen drei Jahren Ich-AG hat er sich sein Sortiment aufgefüllt, muss in Zukunft nur noch nachbestellen, was er auf den Märkten verkauft hat. Das spart Geld. «Vorher habe ich immer alles sofort wieder in neue Ware investiert. Da blieb nicht viel über.»
Jetzt erwartet er sich monatlich etwa 500 Euro zum Leben. Dass das für eine Familie nicht reichen würde, weiß der Sockenhändler. Pläne dafür gibt es auch nicht. Wenn er über Privates spricht, verändert sich plötzlich seine Körperhaltung. Aus dem souveränen Sockenlutz wird wieder Lutz Machacek, der dann nur ein gequältes Lächeln hervorbringt, fast verlegen auf den Boden schaut. Dabei schiebt er einen Mundwinkel weiter nach oben, als den anderen. Er sagt Sätze wie: «Privat gibt es bei mir nicht viel» und blickt Hilfe suchend über seinen Stand.
Erst wenn ein Kunde kommt, besinnt er sich und wird wieder Sockenlutz. Er schnattert drauf los, reisst Packungen auf und zieht eifrig an gestreiften Wollstrumpfhosen. Dann geht es um die Qualität, tolle Preise und er betont: «Die Märkte sind mein zu Hause.» Sockenlutz ist Geschäftsmann, verkauft gern und hat bei seinen Kunden immer Zeit für ein Schwätzchen. Um sein Privatleben geht es dabei kaum. Eher um die Sorgen und Nöte der Käufer, die fast alle Rentner sind. Sockenlutz lebt von diesen Stammkunden. Viele spricht er an diesem Tag mit «Du» an. Man kennt sich.
Frau Metzmacher, eine schlanke ältere Dame mit Dutt und Pudel, kauft seit zehn Jahren bei ihm. «Die Leute kaufen nach dem Gesicht», sagt er oft. «Der Name zieht.» Auch bei Frau Metzmacher. Sie hatte heute extra vorbestellt. «Das ist wie Familie. Er könnte glatt mein Enkel sein», sagt sie und erzählt noch ein bisschen von ihrem richtigen Enkel. Dann greift sie die orangene Plastiktüte, lässt Grüße an Machaceks Mutter ausrichten und schleift ihren schwarzen Pudel unter der Galerie entlang in Richtung eines Wohnblocks.
jek