Von Tobias Schmidt
Der neuartige Satelliten-Typ GOCE soll in drei Tagen nach mehreren abgeblasenen Starts endgültig zur Erdbeobachtung ins All geschickt werden. Europa erhofft sich durch dieses Projekt genauste Daten über die Auswirkungen der Klimaerwärmung.
Bei dem Erdsatelliten namens GOCE (Gravity Field and Ocean Circulation Explorer) handelt sich um ein Raumfahrzeug neuen Typs. Es kann mit einem elektronischen Ionenantrieb in einem «Achterbahn-Kurs» 16 Mal pro Tag um die Erde rasen.
Die Europäische Raumfahrtagentur ESA sieht in dem Projekt einen Meilenstein, mit dem wertvolle Erkenntnisse unter anderem für die Klimaforschung gewonnen werden. GOCE wird das Schwerefeld der Erde mit bislang unerreichter Genauigkeit vermessen und kartografieren.
«Wir erhalten unerreichten Aufschluss über Ozeanzirkulationen und Erdbewegungen, so dass etwa Erdbeben oder Vulkanausbrüche genauer vorhergesagt werden können», sagt der Leiter der ESA-Missionsanalyse, Uwe Feucht. «Die Daten können in Klimamodelle eingespeist werden und helfen so zu verstehen, welche künftigen Auswirkungen die Erderwärmung haben kann.»
Die Erkenntnisse liefert GOCE nicht mit Hilfe von Instrumenten oder Sensoren, sondern durch seine eigene Umlaufbahn: In einer Höhe von 250 bis 260 Kilometern gibt es noch eine Restschwerkraft. «Über dem Himalayagebirge ist diese natürlich stärker als über dem Ozean», erklärt Feucht. Durch den Ionenantrieb wird die Geschwindigkeit konstant gehalten, aber wegen der unterschiedlichen Anziehungskraft gleicht die Flugbahn einer Berg- und Talfahrt. «Von der millimetergenauen Bestimmung der Kurven können wir auf die Erdbeschaffenheit schließen», so Feucht.
Genauere Aussagen erhoffen sich die Experten auch über die Bewegung der Erdkruste sowie die Eismasse der Polkappen und deren Veränderung. Maximal drei Jahre lang soll GOCE um die Erde kreisen und währenddessen kleinste Schwankungen registrieren.
Um den Flug in der extrem niedrigen Umlaufbahn zu ermöglichen, musste die ESA gemeinsam mit 45 europäischen Unternehmen einen völlig neuen Satellitentypen entwickeln. Er hat die Form einer schlanken Pfeilspitze und ist fünf Meter lang. Mit seinen 1,1 Tonnen Gewicht erreicht er eine Fluggeschwindigkeit von knapp 29.000 Kilometern pro Stunde.
Die Ionentriebwerke sind wegen der bremsenden Restatmosphäre notwendig. Ständig bestehe die Gefahr, dass GOCE der Erde zu nahe kommt und verglüht. «Ein Flug am Abgrund», sagt Feucht. Am Montag um 15.21 Uhr mitteleuropäischer Zeit soll das Abenteuer beginnen.
kat/mat