Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Maria Raaschs Studienschwerpunkt heißt Kommunikation, und das ist in ihrem Fach Wirtschaftsingenieurswesen etwas besonderes. Sie hat diese Möglichkeit nur, weil sie in an der FH Stralsund einen speziellen Frauenstudiengang studiert. Immer mehr Unis bieten solche Studiengänge an.
Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin lässt Flyer verteilen. Darauf ist eine Frauenhand an einer Computermaus, auf die Fingernägel ist der Binäre Code lackiert. Frauen, studiert Informatik und Wirtschaft, ruft die FH damit auf. Ab Wintersemester 2009 können sie dies tun, ohne hauptsächlich von Männern umringt zu sein. Denn dann geht der Frauenstudiengang an den Start.
«Einen eigenen Studiengang haben wir nicht nötig», ist bei vielen Frauen der erste Gedanke, wenn sie so etwas hören. «Ich verstehe das sehr gut», meint Professor Ulrike Schleier. «Aber Frauen stimmen mit den Füßen ab, und sie kamen einfach nicht in die Technikfächer.» Oder brachen bald ab, weil sie das Gefühl nicht los wurden, ihr Frausein verstecken zu müssen. In manchen Jahrgängen habe der Anteil der Studentinnen nur fünf Prozent betragen, meint Schleier. Sie leitet den Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurswesen, an der Universität Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven seit 1997, den ersten in Deutschland.
Die klassischen Männerdomänen unter den Studienfächern schwächeln. Es fehlt an Nachwuchs in den technischen Studiengängen, Frauen werden gebraucht. Und nicht zuletzt auch ihr weiblicher Blickwinkel. «Jungen wollen wissen ‹Wie funktioniert es›», Mädchen fragen ‹Wem nützt es›», erklärt Heide Degethoff de Campos. Sie ist Frauenbeauftragte an der Technischen Universität Berlin und will gern Vieles umkrempeln.
Die FH Berlin wird in ihrem neuen Studiengang stärker die Soft Skills ansprechen: «Konflikt- und Karrieremanagement, Präsentation, viel Gruppenarbeit, mehr Praxis», nennt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Stefanie Nordmann. Dass dies Frauen ködert, sich der Technik zu stellen, beweist Maria Raasch. «Ich wollte was in Richtung Kommunikation studieren, aber auch etwas Technisches machen.» Eine Möglichkeit, die sie nur dank des Frauenstudiengangs bekommen hat.
Als Vorteil empfindet sie, dass Übungen in kleinen Gruppen stattfinden und man Fragen stellen könne, ohne dass Männer die Augen verdrehen. «Viele Kommilitonen hatten anfangs Vorurteile, Mädchen könnten ja nichts. Inzwischen haben wir bewiesen, dass wir es können», betont Maria. Und zwar im direkten Vergleich. Denn ihre Prüfungen sind mit denen des gemischten Studiengangs identisch. Das zeigt, dass es sich nicht um ein Schonstudium handelt. In anderen Ländern wie den USA ist das sowieso keine Frage. US-Außenministerin Hillary Clinton zum Beispiel besuchte ein Frauen-College.
Dieses Wissen war ein Aufhänger für die Frauenbeauftragte in Wilhelmshaven, 1997 den Vorstoß zu wagen. Der Fachbereich Wirtschaftsingenieurswesen verlor Studenten, «da kamen die Frauenbeauftrage und die Ingenieure zusammen», erzählt Professor Schleier. Im ersten Jahr waren alle 30 Plätze belegt. Doch außergewöhnliche Studiengänge müsse man sehr offensiv nach außen vertreten, betont sie. Nachdem es in einem Jahrgang nur vier Frauen gab und sie wieder angreifbar wurden für Spott, haben sie gelernt: Sie müssen sich besonders gut verkaufen.
Ulrike Schleier ist überzeugt, dass klassische Rollenbilder noch viel stärker in den Köpfen sitzen, als viele glauben. Schon in der Schule nähmen die Jungen in Physik oder Informatik das Heft in die Hand, Mädchen zögen sich zurück. In Wilhelmshaven lernen Frauen nur die ersten drei Semester getrennt, sozusagen zur Selbstbewusstseinsbildung und mit demselben Lehrplan. Anders ließ sich das Modell 1997 nicht gegen männliche Kritiker durchboxen. Am Ende müssen sich die Frauen doch wieder mit Männern messen. Sie können es dann aber auch, meint Professor Schleier.
Die Frage «Wem nützt es?» kann Degethoff de Campos für Frauenstudiengänge gleich dreifach beantworten. Den Mädchen, «weil sie sich bilden können, ohne sich ständig an Männern messen zu müssen». Der Gesellschaft, weil auch im Berufsleben der weibliche Blickwinkel mit einfließt. Und allen Studierenden, denn «was für Frauen gut ist, ist es in der Regel für Männer auch». Diesen Satz ruft die Frauenbeauftragte fast, denn er birgt ihr großes Ziel: Studiengänge grundsätzlich umzugestalten.
Und sie hat noch so einen Satz auf Lager: «Wir können die Frauen nicht ändern, also müssen wir die Uni ändern.» Doch an der Universität etwas zu verändern ist sehr hartes Brot. Professorinnen gibt es in technischen Fächern kaum, daher werden die Entscheidungen fast ausschließlich von Männern getroffen. Frauenstudiengänge sind für Degethoff de Campos also auch Teil ihrer Strategie.
In ihnen werden mögliche Professorinnen ausgebildet, und sie erproben Methoden, die bei den Männern keine Chance haben. Mehr Praxis zum Beispiel: «Frauen haben meist ein Fernziel im Blick, wollen die Welt verbessern», meint Degethoff de Campos. Wenn die neuen Ansätze hier triumphieren sollten, würden sie auch für den gemischten Studiengang attraktiv, hofft die Frauenbeauftrage. Und sagt noch einen ihrer Sätze: «Wenn wir uns nicht langsam um die Bedürfnisse von Frauen kümmern, kann es passieren, dass sie gar nicht mehr in die staubige Männerdomäne wollen.»
kab