Peinliche Panne: Der Amokläufer hat seine Tat doch nicht vorab im Internet angekündigt, wie Landesinnenminister Heribert Rech verkündet hatte. Ein SPD-Politiker warnte nun vor zu viel Hysterie und empfahl seinen Kollegen, den «Mund zu halten».
Der Amokläufer Tim K. hat seine Tat womöglich doch nicht zuvor im Internet angekündigt. Die Polizeidirektion Waiblingen und die Staatsanwaltschaft Stuttgart bezweifeln die entsprechende Darstellung des baden-württembergischen Innenministers Heribert Rech (CDU). Derzeit gebe es interne Überprüfungen durch Spezialisten des baden-württembergischen Landeskriminalamtes. Außerdem gebe es Vernehmungen von Personen, die angegeben haben, diesen Eintrag gesehen zu haben, teilten Polizei und Ermittler in einer gemeinsamen Erklärung mit. Auch gebe es eine Auslandsanfrage beim Betreiber des Servers in den USA.
Erste Zweifel an der angeblichen Tatankündigung des Amokläufers Tim K. waren aufgekommen, nachdem der Betreiber der Internetseite krautchan.net mitteilte, bei dem von Rech auf einer Pressekonferenz präsentierten Internetchat handele es sich um eine Fälschung. «Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können», schreibt der Betreiber von krautchan.net mit Hinweis auf das Bildverarbeitungsprogramm. Dieser Darstellung zufolge hat Rech eine Fotomontage des Chats präsentiert.
Der Chatroom-Eintrag des Täters in der Nacht zuvor begann nach Angaben Rechs mit den Worten: «Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt». Es sei «immer dasselbe - alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial». Mit den Worten «Ich meine es ernst» habe der 17-Jährige seine Amoklaufdrohung untermauert. Auf dem auf krautchan.net dagegen abgebildeten angeblichen Original ist davon nichts zu lesen. Rech zufolge bekam die Polizei den Hinweis auf den Chatroom vom Vater eines Jugendlichen aus Bayern.
Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Claudia Krauth, sagte: «Wir sind wie vor den Kopf gestoßen.» Sie fügte hinzu: «Wir sind fest davon ausgegangen, dass der Eintrag stimmt, weil wir ihn auf dem Computer des Amokläufers gefunden haben.» Nun müsse in Ruhe geprüft werden, was es mit dem Eintrag auf sich habe. Auch mit dem bayerischen Jungen und seinem Vater, der den Eintrag publik gemacht hatte, müsse nun erneut gesprochen werden.
Unterdessen kritisierten Politiker von Union und SPD die politische Debatte nach dem Amoklauf als «hysterisch». «Wenn ich höre, wie sich die Forderungen nur Stunden nach der Tat überschlagen, ist das doch völlig gaga«, sagte SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz. Die Politik täte gute daran, den Mund zu halten, bis die Hintergründe des Amoklaufs aufgeklärt seien.
Ähnlich äußerte sich Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU): «Ich warne davor, sich vorschnell in einen politischen Wettlauf von Forderungen hineinzusteigern.» Diese Hysterie mache ihn einigermaßen fassungslos, kritisierte Schünemann. Bei den meisten Vorschlägen - etwa zum Waffenrecht oder zur Sicherheit an Schulen - handele es sich um Placebos.
jek/san