«Eine Dunkelziffer von eins zu tausend»
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Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Artikel vom 13.03.2009Viele Reiseanbieter zeigen auf der Tourismusmesse ITB zurzeit traumhafte Urlaubsziele. Mechthild Maurer von der Kinderrechtsorganisation Ecpat sprach mit news.de über eine Schattenseite der Branche: die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Touristen.
news.de: Welches Ausmaß hat die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus?
Mechthild Maurer: Das Problem lässt sich schlecht in Zahlen erfassen. Aber wir wissen: Sexueller Missbrauch in Deutschland hat eine Dunkelziffer von ungefähr eins zu dreißig. Bei Touristen und Reisenden im Ausland geht man dagegen von einer Dunkelziffer von eins zu tausend aus. Das heißt: Auf ein Verbrechen, das bekannt wird, kommen tausend, die unentdeckt bleiben.
news.de: Was sind das für Verbrechen?
Maurer: Es geht um Kinder und Minderjährige, die oft an den Ort, wo der Reisende sie aufsucht, hingehandelt wurden. Dann werden sie sexuell missbraucht und mitunter der Prostitution zugeführt. Diese Gewalt führt außer zu seelischen auch zu gesundheitlichen Schäden. Es gibt zum Beispiel viele Kinder, die zum Analverkehr gezwungen wurden und überhaupt keinen Analmuskel mehr haben, der sich schließen lässt. Viele Täter halten ihr Geschehen dabei auch noch auf Bildern oder Filmen fest und stellen diese ins Internet.
news.de: Sind bestimmte Reisezeile besonders betroffen?
Maurer: Es gibt immer wieder neue Trends, aber auch immer wieder Länder, die verstärkt dagegen vorgehen. Dann wandern die Tätergruppen schnell weg. Im Augenblick haben wir Länder wie Kambodscha, Vietnam und Laos, verschiedene Plätze in Thailand, aber auch in Westafrika, in Ländern wie Kenia und Gambia auf der Liste. Wir kennen das Problem ebenfalls aus der Karibik, aus Südamerika und auch aus Europa, etwa aus Bulgarien.
news.de: Gibt es einen klassischen Täter?
Maurer: Nein. Es wäre ja einfach, wenn wir diesen böse blickenden Mann vom Fahndungsfoto hätten. Es gibt Täter jeden Alters, aus jedem Bildungsstand und in jeder Berufsgruppe. Nicht wenige gehören einem gehobenen Bildungsstand an. Und wir haben es auch mit Frauen zu tun.
news.de: Es gibt auch Frauen als Täter?
Maurer: Ja. Zum einen führen sie die Kinder den Reisenden zu, bringen sie also aus den Dörfern in die Zentren. In einigen Ländern sind sie aber auch selbst Täterinnen, zum Beispiel in Kuba oder Kenia.
news.de: Es existiert ein Verhaltenskodex für die Reiseindustrie, für den Sie werben. Was muss ein Unternehmen befolgen, wenn es den Kodex unterschreibt?
Maurer: Erstens muss es in seine Firmenphilosophie ein Leitbild einführen, das Kinderschutz beinhaltet. Das Zweite ist eine umfassende Schulung und Aufklärung der Mitarbeiter. Außerdem müssen die Reisenden informiert werden. Dann ist es wichtig, dass der Reiseanbieter in seinen Verträgen mit Hotels und Agenturen festschreibt, dass auch diese verantwortlich dafür sind, dass in Hotels und auf Ausflügen keine sexuelle Gewalt an Kindern geschieht. Und schließlich müssen die Anbieter regelmäßig Bericht abgegeben, was getan wurde oder nicht.
news.de: Wie sieht so eine Mitarbeiterschulung aus?
Maurer: Wir arbeiten immer mit Strafverfolgern zusammen, mit Staatsanwälten oder der Polizei, die besser Bescheid wissen über die Täter. Dann wird zum Beispiel in Übungssituationen trainiert, dass Beschäftigte, die etwa in einem Reisebüro arbeiten, nicht wegschauen.
news.de: Und wie werden die Reisenden informiert?
Maurer: Es gibt ein standardisiertes Faltblatt, das die Kunden erhalten. Außerdem versuchen wir zu erreichen, dass Filmspots während der Flüge gezeigt werden und es Aktionen in den Hotels gibt.
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Dass auch Frauen Kinder missbrauchen, ist ein unstrittiger Tatbestand. Hierzu habe ich ein Buch geschrieben: „Von der Mutter missbraucht – Frauen und die sexuelle Lust am Kind“, das bei Books on Demand (ISBN 3-8334-1477-4) erschienen ist.
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