Fr., 25.05.12

Kindersextourismus 13.03.2009 «Eine Dunkelziffer von eins zu tausend»

Kinderprostitution (Foto)
Philippinische Kinder demonstrieren 2008 gegen Kinderpornographie. Viele Sextouristen stellen ihre Fotos ins Internet. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Timo Nowack

Viele Reiseanbieter zeigen auf der Tourismusmesse ITB zurzeit traumhafte Urlaubsziele. Mechthild Maurer von der Kinderrechtsorganisation Ecpat sprach mit news.de über eine Schattenseite der Branche: die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Touristen.

news.de: Welches Ausmaß hat die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus?

Mechthild Maurer: Das Problem lässt sich schlecht in Zahlen erfassen. Aber wir wissen: Sexueller Missbrauch in Deutschland hat eine Dunkelziffer von ungefähr eins zu dreißig. Bei Touristen und Reisenden im Ausland geht man dagegen von einer Dunkelziffer von eins zu tausend aus. Das heißt: Auf ein Verbrechen, das bekannt wird, kommen tausend, die unentdeckt bleiben.

news.de: Was sind das für Verbrechen?

Maurer: Es geht um Kinder und Minderjährige, die oft an den Ort, wo der Reisende sie aufsucht, hingehandelt wurden. Dann werden sie sexuell missbraucht und mitunter der Prostitution zugeführt. Diese Gewalt führt außer zu seelischen auch zu gesundheitlichen Schäden. Es gibt zum Beispiel viele Kinder, die zum Analverkehr gezwungen wurden und überhaupt keinen Analmuskel mehr haben, der sich schließen lässt. Viele Täter halten ihr Geschehen dabei auch noch auf Bildern oder Filmen fest und stellen diese ins Internet.

news.de: Sind bestimmte Reisezeile besonders betroffen?

Maurer: Es gibt immer wieder neue Trends, aber auch immer wieder Länder, die verstärkt dagegen vorgehen. Dann wandern die Tätergruppen schnell weg. Im Augenblick haben wir Länder wie Kambodscha, Vietnam und Laos, verschiedene Plätze in Thailand, aber auch in Westafrika, in Ländern wie Kenia und Gambia auf der Liste. Wir kennen das Problem ebenfalls aus der Karibik, aus Südamerika und auch aus Europa, etwa aus Bulgarien.

news.de: Gibt es einen klassischen Täter?

Maurer: Nein. Es wäre ja einfach, wenn wir diesen böse blickenden Mann vom Fahndungsfoto hätten. Es gibt Täter jeden Alters, aus jedem Bildungsstand und in jeder Berufsgruppe. Nicht wenige gehören einem gehobenen Bildungsstand an. Und wir haben es auch mit Frauen zu tun.

news.de: Es gibt auch Frauen als Täter?

Maurer: Ja. Zum einen führen sie die Kinder den Reisenden zu, bringen sie also aus den Dörfern in die Zentren. In einigen Ländern sind sie aber auch selbst Täterinnen, zum Beispiel in Kuba oder Kenia.

news.de: Es existiert ein Verhaltenskodex für die Reiseindustrie, für den Sie werben. Was muss ein Unternehmen befolgen, wenn es den Kodex unterschreibt?

Maurer: Erstens muss es in seine Firmenphilosophie ein Leitbild einführen, das Kinderschutz beinhaltet. Das Zweite ist eine umfassende Schulung und Aufklärung der Mitarbeiter. Außerdem müssen die Reisenden informiert werden. Dann ist es wichtig, dass der Reiseanbieter in seinen Verträgen mit Hotels und Agenturen festschreibt, dass auch diese verantwortlich dafür sind, dass in Hotels und auf Ausflügen keine sexuelle Gewalt an Kindern geschieht. Und schließlich müssen die Anbieter regelmäßig Bericht abgegeben, was getan wurde oder nicht.

news.de: Wie sieht so eine Mitarbeiterschulung aus?

Maurer: Wir arbeiten immer mit Strafverfolgern zusammen, mit Staatsanwälten oder der Polizei, die besser Bescheid wissen über die Täter. Dann wird zum Beispiel in Übungssituationen trainiert, dass Beschäftigte, die etwa in einem Reisebüro arbeiten, nicht wegschauen.

news.de: Und wie werden die Reisenden informiert?

Maurer: Es gibt ein standardisiertes Faltblatt, das die Kunden erhalten. Außerdem versuchen wir zu erreichen, dass Filmspots während der Flüge gezeigt werden und es Aktionen in den Hotels gibt.

Lesen Sie auf Seite 2, wie erfolgreich die Maßnahmen gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern sind

news.de: Wie viele Unternehmen haben den Kodex schon unterschrieben?

Maurer: Weltweit knapp 1000 Unternehmen. In Deutschland hat der Deutsche Reiseverband für seine Mitglieder unterschrieben. Aktiv in der Umsetzungsgruppe arbeiten die Rewe-Gruppe, die Tui und Thomas Cook mit. Weiterkommen müssen wir aber bei der Überprüfung der Maßnahmen. Denn in anderen Ländern unterschreibt der einzelne Unternehmer. Bei der Verbandslösung in Deutschland kann sich ein Reiseunternehmen, das kein Interesse hat, leicht verstecken.

news.de: Helfen all diese Maßnahmen denn tatsächlich? Halten sie Kindersextouristen von ihren Verbrechen ab?

Maurer: Wir hatten vor Kurzem ein Unternehmen aus Kenia, das den Kodex unterschrieben und an seine Gäste kommuniziert hat. Dann haben sich Gäste beklagt, dass in ihrem Hotel Täter mit Kindern ein und aus gehen. Dieses Hotel wurde danach nicht mehr unter Vertrag genommen. Es ist aber auch eine wichtige Botschaft an die Kinder, wenn sie wissen, dass sie in einem bestimmten Hotel sicher sind und Hilfe bekommen. Sie melden sich dann auch. Wir haben gerade zum ersten Mal seit Langem wieder einen Fall gehabt, dass ein Täter nach einer Reise nach Kambodscha vor ein deutsches Gericht gekommen ist und die Kinder hier auch ausgesagt haben. Er wurde zu sechseinhalb Jahren Haft und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.

news.de: Was gibt es noch zu verbessern?

Maurer: Die Zusammenarbeit mit den Straftverfolgungsbehörden. Wir müssen es schaffen, dass mehr Fälle aufgedeckt werden und wir von dieser Quote eins zu tausend wegkommen. Es findet noch zu wenig Kooperation statt zwischen Reiseveranstaltern, Kinderrechtsorganisationen und der Strafverfolgung vor Ort. Außerdem muss in Deutschland mehr gegen Bilder sexueller Gewalt im Internet getan werden.

news.de: Und was kann ich selber gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern tun, wenn ich auf Reisen bin?

Maurer: Sie können in Situationen, in denen sich solche Gewalt anbahnt, klarmachen, dass das ein Verbrechen ist und Sie es nicht dulden. Sie müssen nicht selber eine Anzeige machen, aber Sie können es weitergeben, zum Beispiel an das Hotel. Wenn die Mitreisenden einem potenziellen Täter zeigen: «Mit uns nicht», dann ist schon ganz viel getan.

Mechthild Maurer ist seit acht Jahren Geschäftsführerin von Ecpat (End Child Prostitution, Child Pornography an Trafficking of Children for Sexual Purposes) Deutschland, einer Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung. Die 55-jährige Sozialwissenschaftlerin und Journalistin arbeitet oft auch vor Ort in Ländern, in denen sexuelle Ausbeutung von Kindern ein Problem ist.

mas/ruk
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 14.03.2009 09:23
 

Dass auch Frauen Kinder missbrauchen, ist ein unstrittiger Tatbestand. Hierzu habe ich ein Buch geschrieben: „Von der Mutter missbraucht – Frauen und die sexuelle Lust am Kind“, das bei Books on Demand (ISBN 3-8334-1477-4) erschienen ist.

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