Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Winnenden
Mehr als 1500 Menschen haben sich in Winnenden zum Ökumenischen Gottesdienst getroffen. Die Szenen zeugen am Abend eines schrecklichen Tages von einer Stadt in Ohnmacht. News.de war dabei.
Die Glocken läuten und zwei Menschen fallen sich in die Arme. Mitten in der Fußgängerzone einer bisher fast unbekannten Kleinstadt im Schwäbischen. Winnenden trauert und kann die Tat nicht begreifen. Erklärungen hat niemand parat. Entsetzen spricht aus den Gesichtern der Einwohner. 1500 sind gestern Abend in die katholische Kirche St. Karl Borromäus gegangen und haben einen Ökumenischen Gottesdienst gefeiert.
So voll war es hier noch nie, sagt ein Mann ganz leise. Ein anderer meint, dass das Gotteshaus wohl bisher noch nicht im Fernsehen war. Das ändert sich nun schlagartig. So wie sich vieles ändert nach dem Amoklauf. Die Sitzreihen in der modernen Kirche reichen nicht aus. Hunderte Menschen stehen, viele kommen gar nicht erst rein. Jugendliche sitzen zusammen auf Treppen und halten sich an den Händen fest. Ihre Blicke sind starr, die Augen gerötet. Im Altarraum stehen Hilfskräfte vom Deutschen Roten Kreuz und vom Malteser. Sie haben ihre Uniformen noch an, kommen gerade vom Einsatz.
Der katholische Weihbischof Thomas Maria Renz spricht von der Tat, er spricht von einem Massaker. «Wenn die Worte fehlen und die Emotionen mit einem durchgehen», sagt er. «Wir müssen jetzt beieinander bleiben, um nicht zu verzweifeln.» Die Orgel stimmt zu einem gemeinsamen Lied an. «Aus tiefer Not schrei ich zu dir», lautet die erste Zeile. «Wut, Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht», sagt der Geistliche. Man könne nur noch klagen. «Es sind keine Worte zu finden.» Schüler, Rentner, Eltern, Rettungskräfte – alle rücken zusammen. Viele weinen.
Winnendener die nicht in der Kirche sind, gehen zur Albertville-Realschule. Sie tragen Blumensträuße oder Kerzen. Vor dem Tatort erstrahlt ein Lichtermeer, Plüschtiere sitzen zwischen den Kerzen. Es ist dunkel und doch taghell. Kamerateams haben ihre Nachtlager aufgeschlagen. Mit Generatoren betreiben sie Leuchten und Mikrofone. Jede Regung in der Stadt wird aufgenommen und kommentiert. Menschen beten und schütteln den Kopf. Es fließen Tränen. Dutzende haben sich zu einer nächtlichen Mahnwache vor der Schule versammelt.
Der Gottesdienst dauert sehr lange. «Wir sind in einer Situation, die wir nicht einordnen können», sagt der evangelische Landesbischof Frank Otfried July. Das was geschehen sei, passiere nicht auf Fernsehbildern irgendwo in der Welt. «Es ist hier passiert.» Wieder sei ein Amoklauf in Deutschland geschehen, in hässlicher, blutiger, brutaler Form. Es bleiben nur die Fragezeichen. Auch der Täter sei ein Fragezeichen.
Jetzt stehen alle in der Kirche auf. Jeder kann im Altarraum eine Kerze anzünden. Jeder reiht sich in die lange Reihe ein. Einige müssen gestützt werden. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) nimmt an der Aktion teil. Wie er, entzünden fast 1000 Menschen eine Kerze für die Opfer. «Wir müssen wohl in diesen Tagen in Winnenden eine neue Sprache finden», sagt der evangelische Landesbischof Frank Otfried July.
jek