Fr., 25.05.12

Amoklauf in Baden-Württemberg 11.03.2009 Die Blutspur endet mit einem Selbstmord

Amoklauf Wendlingen (Foto)
Der Amoklauf von Tim K. endete in einem Gewerbegebiet in Wendlingen. Bild: ap

Die Leiche des Amokschützen Tim K. ist von dem Gelände eines Autohauses im baden-württembergischen Wendlingen abtransportiert worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stuttgart hat er sich wahrscheinlich selbst getötet.

Wieder erschüttert die Bluttat eines Schülers Deutschland: Der 17-jährige Tim K. hat bei einem Amoklauf in Winnenden 15 Menschen und anschließend sich selbst getötet. Ihm fielen neun Schüler, drei Lehrerinnen und drei weitere Menschen zum Opfer.

Nach dem Massaker in seiner ehemaligen Realschule erschoss Tim K. einen Passanten, entführte ein Auto und tötete nach einer Verfolgungsjagd zwei Menschen in einem Autohaus in Wendlingen. Bei dem anschließenden Schusswechsel mit der Polizei verletzte er zwei Beamte schwer, bevor er nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Waffe gegen sich selbst richtete.

Zunächst hatte es unterschiedliche Angaben über die Zahl seiner Opfer gegeben. Polizeisprecher Klaus Hinderer korrigierte schließlich frühere Angaben, wonach es insgesamt 17 Opfer gegeben habe. Eine Ankündigung der Tat von Tim K. entdeckte die Polizei bislang nicht.

Nach Polizeiangaben wollte Tim K. möglicherweise noch viel mehr Menschen töten. «Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vor hatte», sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder bei einer Pressekonferenz in Waiblingen. Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) sagte, der 17- jährige Tim K. habe den meisten seiner Opfer in der Realschule gezielt in den Kopf geschossen. Er fügte hinzu: «Es ist auffällig, dass primär Mädchen getötet wurden.» Daraus könne man aber noch kein Motiv ableiten, erklärte Rech.

Der Amoklauf mit insgesamt 16 Toten sei in keiner Weise angekündigt worden. Es habe zuvor keine Hinweise darauf gegeben, sagte Rech. Die verwendete Pistole habe der Jugendliche seinem Vater entwendet. Auch die «Munition im dreistelligen Bereich» habe er aus dem Elternhaus in Leutenbach, sagte der Minister. Im Tresor des Hauses hatte der Vater 14 Waffen deponiert, eine weitere im Schlafzimmer. «Der Täter muss also die Waffe im Schlafzimmer an sich genommen haben», sagte Rech. Kriminaldirektor Michelfelder fügte hinzu: «Ein großer Teil der Munition war im Haus nicht verschlossen, sodass der junge Mann Zugriff darauf hatte.»

Der Amokläufer hatte in Militärkleidung und mit einer großkalibrigen Pistole gegen 9.30 Uhr die Albertville-Realschule betreten, war in drei Klassenräume gestürmt und hatte wahllos um sich geschossen, wie die Polizei berichtete. Danach flüchtete er den Angaben zufolge zu Fuß in die Innenstadt und schoss auf zwei Passanten. Einer der beiden wurde getötet, der andere verletzt. Bei dem Getöteten handelt es sich um einen Beschäftigten des nahegelegenen Krankenhauses für psychisch Erkrankte.

Anschließend zwang Tim K. einen 41 Jahre alten Autofahrer, ihn in Richtung Wendlingen (Landkreis Esslingen) zu fahren. Bei einem Beinaheunfall an einer Kontrollstelle der Polizei gelang dem Mann laut Staatsanwaltschaft jedoch die Flucht. Daraufhin stürmte der 17-Jährige in ein Autohaus, wo er einen 46-jährigen Kunden und einen 36 Jahre alten Mitarbeiter erschoss, die sich gerade in einem Verkaufsgespräch befanden.

Vor dem Geschäft eröffnete der Täter dann das Feuer auf heranrückende Streifenwagen. Bei dem Schusswechsel habe er sich nach bisherigen Erkenntnissen selbst getötet. Mindestens zwei Polizeibeamte wurden dabei schwer verletzt, schweben aber nicht in Lebensgefahr. Die Spurensicherung in der Realschule war am frühen Abend fast abgeschlossen, so dass die Leichen wenig später abtransportiert werden sollten.

Lesen Sie auf Seite 2, was inzwischen über Tim K. bekannt ist

Der Täter stammt den Angaben zufolge aus Weiler zum Stein, das zu Leutenbach gehört und in der Nähe von Winnenden liegt. Der Vater sei Mitglied in einem Schützenverein, hatte einen Waffenschein und besitze deshalb legal seine Schusswaffen. Die Eltern wurden nach Angaben der Polizei vernommen.

Ein ehemaliger Freund von Tim K. sagte, der Amokschütze sei in den vergangenen Jahren «ziemlich eigen» geworden. Ein ganzes Arsenal von Luftdruckwaffen habe er in seinem Zimmer gelagert. Der Vater, nach der Schilderung von Nachbarn ein »typischer Patriarch», habe eine ganze Sammlung von Softair- und Luftdruckwaffen besessen.

Der 19-jährige Michael V., der mit dem Amokläufer zusammen Tischtennis spielte, fügt hinzu: «Er hatte Tausende Horrorvideos zu Hause.» Andere Schüler bezeichnen Tim als still, «kein Wort» habe der sonst von sich gegeben.

Leutenbachs Bürgermeister Jürgen Kiesl kennt die Familie nur «oberflächlich», aber als sehr «freundlich». Sie lebe schon lange in der Gemeinde und sei «integriert ins Vereins- und Gemeindeleben». Den Sohn zeichnete er vor ein paar Jahren bei einer Sportlerehrung aus, auch einen Wettbewerb im Armdrücken gewann er schon.

«Ich hatte nur einen angenehmen Eindruck», sagt Kiesl nun fassungslos über die Tat und schüttelt ungläubig den Kopf. Er hat bereits mit einigen Angehörigen aus der Gemeinde gesprochen. Die hätten ihm berichtet, dass an der Schule alle erst einmal an einen Scherz gedacht hätten, als Tim im Tarnanzug ein Klassenzimmer betrat. «Der ist reingekommen und da haben die Kinder erstmal gelacht», schildert es Kiesl.

Die Pächterin vom Sportschützenverein Leutenbach e.V., in dem der Vater des Täters Mitglied ist, zeigt sich entsetzt. Sie beschreibt Vater und Sohn als liebevolle Menschen, der Junge sei ein «hübscher, junger Mann» gewesen, der im Vereinslokal nie Alkohol getrunken habe. «Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er zu so etwas fähig ist», sagt die 58-Jährige. In dem Verein habe er nie geschossen und sei auch nicht Mitglied gewesen.

Nun rätseln alle, was den 17-Jährigen zu der Tat getrieben haben könnte. «Er war halt schlecht in der Schule», versucht sich ein ehemaliger Freund an einer Erklärung. Zumindest sei er in den vergangenen Jahren «mehr ein Einzelgänger geworden». Sein wichtigstes Hobby jedoch habe er nie aufgegeben: «Tischtennis war seine Leidenschaft». Mit Computern hatte er dagegen nicht viel am Hut. Für das Internet habe er sich auch nicht begeistert.

jan/jek
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 11.03.2009 20:17
 

Danke für die ausführliche Berichterstattung über dieses tragische Ereignis. Dieser Beitrag ist der ausführlichste und versändlichste Bericht den ich bisher in der deutschen Medienlandschaft über dieses grauenhafte Blutbad gefunden habe.

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