Von news.de-Chefredakteurin Kathrin Steinmetz
Ein Untoter kaut an den blutigen Gedärmen einer Frau, ein anderer rammt seine Zähne in ihr Bein: Politikredakteur Jan Berger mag Horrorfilme. Sieben Wochen lang lerne ich meine Kollegen ganz privat kennen – und sie mich.
Die Idee «Sieben Wochen mit meinen Kollegen» schien mir plötzlich naheliegend, denn: Der Mensch lebt nicht vom Job allein. Wir arbeiten tagaus tagein miteinander, jammern und jubeln gemeinsam.
Aber wie sind diese Menschen, wenn sie den Rechner abschalten? Was bewegt,
begeistert, beherrscht sie? Wie sieht das genau aus, was unter «Interessen» im Lebenslauf steht?
Überraschend bereitwillig gewähren mir die Kollegen diesen neugierigen Blick. Jeder, der mitmachen möchte, bestimmt selbst, was er mir von sich zeigt. Und Jan zeigt erst auf einen sehr großen Fernseher, dann auf vier DVDs. «Maniac», «Tanz der Teufel», «The Texas Chainsaw Massacre»Wörtlich übersetzt «Das Kettensägen-Massaker in Texas», deutscher Originaltitel lautet «Blutgericht in Texas». und «Woodoo - Schreckensinsel der Zombies». Jan ist Horrorfan, und zwar ein eingefleischter. 1000 Filme hocken in Vitrinen und Schränken, sorgfältig aufgereiht und dekoriert mit Affen- oder Alienköpfen aus Plastik. Blutrot und Nachtschwarz herrschen als Farben der DVD-Hüllen vor.
Umgeben von Angst, Mord, Psychopathen, Schleim, blutigem oder verfaultem Menschenfleisch – diese ansonsten gemütliche Wohnung könnte ich allein nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten; ich bin ein Angsthase.
«Woodoo, die Schreckensinsel der Zombies» läuft sich warm. Ein Journalist spielt die Hauptrolle, sehr witzig, Jan. Führerlos treibt ein Boot an der Skyline New Yorks vorbei. Ein Zombie lauert darin auf sein Opfer, einen Polizisten. Der erste Schreck, ich fluche, Jan grinst, seine Freundin gähnt und sagt später: «Ich glaube, ich bin schon abgestumpft. Ich fand den Film langweilig.»
Mein Puls ramponiert mir zunehmend den Abend. Da gäbe es noch eine coole Szene mit diesem Wasserzombie, informiert Jan lakonisch. Danke. Ich erschrecke mich natürlich trotzdem zu Tode.
Die Protagonisten können schließlich von der Insel der untoten Fleischfresser fliehen. Jan triumphiert: «Ich kenne eigentlich keinen Zombiefilm, der gut ausgeht.» Panik. Happy Ends sind meine einzige Chance, heil die Nacht durchzustehen. Ich sehe es: Er hat sich köstlich amüsiert, doch der Gentlemen in ihm bringt mich immerhin zur Bahn. Mein gestammeltes «Warum» beantwortet er mit der Faszination für die künstlerische Umsetzung des Stoffes. Und mit der Einschätzung, dass das wirkliche Leben so etwas wie Erschrecken oder Angst nicht mehr biete.
In dieser Nacht lauern die Zombies überall in meiner Wohnung. Ich dusche mit offenen Augen, damit sie nicht plötzlich vor mir stehen. Drei Mal kontrolliere ich die Unterseite des Bettes, verfluche meine Phantasie und schaue im Personalausweis nach, ob ich vielleicht doch erst sieben bin.
Oh Gott, wenn ich mit meinem Chef auch noch meine Freizeit verbringen müsste, würde ich durchdrehen. Dass Ihre Kollegen für news.de wochenlang auf irgendetwas verzichten, ist die eine Sache. Aber mit dem Chef die Abende verbringen? Ich frage mich, ob das wirklich komplett freiwillig geschieht...
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