Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Zwei Erlebnisse können objektiv betrachtet ähnlich lang andauern, doch mit der inneren Uhr ganz unterschiedlich eingeschätzt werden. Das macht sich besonders dann bemerkbar, wenn man keine externe Uhr dabei hat.
Nun gut, erzähle ich von meiner ersten Zugreise ohne Uhr. Es soll nach Berlin gehen, von Leipzigs großem Hauptbahnhof aus. Irgendwann, es muss später Mittag sein, denn mein Magen knurrt, mache ich mich mit Sack und Pack auf den Weg dorthin.
Am Schalter wird mir der IC um 14.52 Uhr empfohlen. In Ordnung, nun weiß ich die aktuelle Uhrzeit wieder. Es ist mir doch zu doof zu sagen: «Gute Frau, ich lebe ohne Uhr, bitte verraten Sie mir nur den Bahnsteig, nicht die Zeit.»
Ich mache mich zügig auf dem Weg zum Bahnsteig. Doch hätte ich genauso gut gemütlich hinspazieren können. Denn es kommt, was kommen musste: «Der Zug hat 30 Minuten Verspätung», dröhnt es aus den Lautsprechern.
Das Warten wird unerträglich. Nicht mal der Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr darf mich ablenken. Der macht immer auf der 59 eine kurze Pause, bevor er die ganze Minute abschließt. Zumindest tat er das früher, heute darf ich ja dabei nicht zuschauen.
Langsam mache ich mir Sorgen wegen meines Termins in Berlin. Schaffe ich das überhaupt noch? Das frage ich mich immer wieder und rechne mit der von mir geschätzten Zeit nach. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und schaue auf die Uhr. Es ist schon halb vier. Mein Gefühl hat mich also nicht getäuscht: Die Bahn verspätet sich sogar bei einer Verspätung. Aber eine weitere Durchsage, die kommt natürlich nicht. Ich frage mich, wer hier eigentlich ohne Uhr unterwegs durch Deutschland ist.
Eine geschätzte Viertelstunde später rollt mein Zug ein. Dann geht bis Berlin alles ganz schnell. Die anderhalb Stunden nehme ich als Kurztrip wahr. Eine Mitfahrerin gibt mir Einblicke in das Leben von Schauspielern. Sie arbeitet bei einer Filmagentur. Kaum sind wir dabei, über Sinn und Unsinn des Oskars zu diskutieren, fahren wir auch schon am Hauptbahnhof in Berlin ein. Und den Termin beim CDU-Wirtschaftsrat schaffe ich auch noch.
Der erste Redner ist Guido Westerwelle. Man mag seine Meinung mögen oder nicht, eins kann er jedenfalls: Seine Zuhörer unterhalten, und zwar so, dass sie während seiner Rede nicht einmal daran denken, auf die Uhr zu schauen. Hätte ich ja ohnehin nicht machen können.
Anders als bei dem nachfolgenden Beitrag. Bei einer Podiumsdiskussion mit jungen Unions- und FDP-Politikern wird schnell klar, dass die Meinungen der fünf Befragten wahrlich nicht weit auseinander liegen. Die Runde hätte lieber als gegenseitige Podiumsbejahung bezeichnet werden sollen. Als zeitloser Zuschauer wünscht man sich sehnlichst eine Uhr, auf der man anhand des Sekundenzeigers sehen kann, dass die Zeit voranschreitet. Denn allein vom Zuhören stellte sich dieses Gefühl nicht ein.
Aber irgendwann ist alles vorbei. Und das ist manchmal auch gut so. Als Ergebnis dieses Ausflugs bleibt ein bitteres Fazit: Es ist schon traurig, dass gerade die amüsanten Sachen unseres Lebens sehr schnell vergehen. Zum Trost bleibt jedoch zu sagen: Wenigstens bleiben die schönen Dinge in unserer Erinnerung stärker verankert. Dort wird scheinbar die Zeitwahrnehmung wieder umgedreht.