Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Ich habe gesündigt. Ich war schwach. Von Anfang an. Das Gemeine daran: Ich habe es erst jetzt gemerkt. Und das Schlimmste: Ich bereue nicht einmal.
Natürlich rede ich nicht vom Alkohol. Nach wie vor bin ich streng abstinent. Seit 10 Tagen läuft der Selbstversuch. Und wenn ich die Tage davor mit einrechne, in denen ich auch nichts trank, dann lebe ich jetzt schon 13 Tage ohne Alkohol. Und es macht mir nichts aus.
Doch mein zweites Vorhaben ist gescheitert. Sieben Wochen ohne iPod hatte ich mir auferlegt. Eine echte Qual. Beim Radfahren, in der Bahn und beim Einkaufen muss ich jetzt nicht nur auf Musik verzichten, was schwer genug fällt, wenn es gerade neue Platten von Lily Allen und den White Lies gibt.
Sondern es gibt auch noch einen anderen, schlimmeren Aspekt: Am besten gefällt mir an meinem iPod das i. Es steht für ich, für individuell, für Isolation. Es vermittelt die Botschaft: Ich liebe Musik. Aber nur meine eigene, individuelle, nicht den Quark, den ihr alle im Radio hört. Und ich möchte auch nicht mit den Geräuschen der Welt belästigt werden, sondern versinken in die Musik, in mich selbst, in die Isolation. Doch nun fehlt mir das i samt Pod. Und ich bin nicht mehr gewappnet gegen die Attacken von Menschen in der Fußgängerzone, die Flyer verteilen, Unterschriften sammeln oder gerade auf Stimmenfang für einen Fernsehsender sind.
Bisher habe ich mich auch hier eisern gezeigt. Dachte ich. Wann immer ich unterwegs war, blieb mein iPod zu Hause. Ich war stolz auf meinen Verzicht, und ich machte auch ein leidendes Gesicht dazu. Doch heute Morgen wurde mir plötzlich klar: Ich habe geschummelt. Von Anfang an. Mein iPod steht nämlich seit Beginn meines Selbstversuches auf meinem Nachttisch. In meinem Wecker. Dieses Wunderwerk der Technik versteht es nicht nur, die Uhrzeit anzuzeigen, sondern als Weckmelodie auch auf die Lieder im iPod zurückzugreifen. Und das macht der Wecker jetzt auch. Er spielt. Ich höre es. Das darf nicht sein.
Freilich könnte ich den Wecker jetzt auch anders einstellen, auf einen fiesen Signalton beispielsweise. Doch mit einem Geräusch aus dem Bett gerissen zu werden, das so klingt, als würden viertausend Seehunde zugleich sterben, ertrage ich nicht. Deshalb wird der iPod dort bleiben. Aufwachen ist schließlich schlimm genug.
Manch einer meint wohl, es komme einer Geburt gleich. Der Übergang vom Dunkel ins Licht, vom Unbewussten ins Bewusste. Doch ich halte es eher mit dem Philosophen Henri Frédéric Amiel. Für ihn ist das Träumen «der Sonntag des Denkens». Entsprechend fühlt sich das Aufwachen an wie ein kleiner Tod. Das Ende einer Traumwelt, in der alles intuitiv läuft. Einer Welt ohne Erinnerung und Verantwortung, ohne Logik und Naturgesetze.
Der Beginn des Tages ist schwer, und Musik macht ihn ein wenig erträglicher. Musik lässt die Zeit stillstehen, das Gestern und Morgen vergessen. Musik macht ausgelassen, wagemutig, unbeschwert. Sie ist das Gegenteil der Ratio, verführt zu unkontrollierten Bewegungen und spontanen Schreien. Ich merke gerade: All das macht Alkohol auch. Das kann ja heiter werden.
ruk