Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Das Leben ohne Zeit ist ein Leben ohne Stress und Sorgen. Das denkt man sich vielleicht als Außenstehender. Klar, ohne den Wecker könnte ich früh schlafen solange ich will. So lange ich will? Vielleicht eher so lange meine Nachbarn es wollen.
Denn für einen Menschen mit einem äußerst leichten Schlaf ist das morgendliche Rumpeln der Holztreppen im Hausflur ein nicht unbedingt gewünschter Weckerersatz. Da müsste eine Nacht schon ziemlich intensiv sein, dass ich diese Geräuchkulisse überschlafe.
Außerdem ist da noch diese hartnäckige Sonne, deren Strahlen spätestens gegen 7.30 Uhr meine lichtdurchlässige Jalousie durchbrechen. Die Chancen zum Durchschlafen sind somit gleich Null.
Trotz der genannten Zeichen weiß ich am ersten Tag nach dem Aufstehen nicht, ob es noch für ein ausgiebiges Frühstück reicht. Für einen kleinen Kaffee und ein wenig Müsli nehme ich mir auf jeden Fall Zeit.
Die große Küchenuhr – ich spüre förmlich, dass sie mir ständig etwas sagen will – ignoriere ich einfach. Ich weiß ja, wo die Gefahr lauert. Nach dem kurzen Frühstück trete ich nun nach draußen. Die Straßen scheinen mir voller, jede Menge Autos schieben sich Richtung Innenstadt an mir vorbei. Bin ich nun später oder eher als sonst?
Ich habe das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören. Die Menschen, die mir auf dem Weg zur Haltestelle entgegenkommen, haben etwas, dass ich nicht besitze. Sie tragen eine Uhr und können jederzeit einschätzen, ob sie im Tagesrhythmus liegen oder nicht. Und das muss ein beruhigendes Gefühl sein, denke ich mir.
An der Straßenbahnhaltestelle steht niemand. Wahrscheinlich sind die anderen bekannten Gesichter des Morgens noch zu Hause und schlafen. Die Bahn kommt und ich steige ein. Nur nicht nach oben schauen, sage ich mir. Überall lauern Gefahren in Form von Werbemonitoren, auf denen die Uhrzeit steht. Bis zur Zielhaltestelle klappte das auch. Doch der unerbittlichen Uhr am «Central Transfer Point» - wie die süffisante Stimme in der Straßenbahn sagt und damit Leipzigs Straßenbahnumsteigebahnhof Nr. 1 meint - entkommt niemand. Als ich noch zeitlos aus der Bahn steige, springen mir förmlich die gelben Ziffern der Digitaluhr ins Gesicht: 8.50 Uhr steht dort geschrieben. Das bedeutet: Die Zeit hat mich wieder und ich bin pünktlich.
Die Zeitlosigkeit im Büro ist weniger ein Problem, deshalb hier nur eine kurze Zusammenfassung: Es gibt eine Redaktionskonferenz, einen Magen, der einem die Mittagszeit durch ein Knurren signalisiert und Abends Kollegen, die sich von mir verabschieden. Schwieriger ist der Abend, an dem ich mich mit einem Freund verabredet habe. 20 Uhr ist das Treffen anberaumt. Aber wie sollte ich ohne Uhr wissen, wann es Zeit ist? Per SMS kündigt er sein Zuspätkommen an, das ist mir in meiner Lage eigentlich egal.
Nächster Tag: Es ging lange gestern, ohne Uhr halt. Ein wenig katerig ist mir deshalb zumute. Und dieses Mal habe ich das morgendliche Treppengepolter nicht wahrgenommen. Draußen vor meinem Fenster sind bereits dröhnende Laubsägearbeiten im Gange. Wie spät mag es sein? Keine Ahnung. Dieses Mal mache ich mich ohne ein Frühstück auf dem Weg ins Büro. Das deftige Abendmal von gestern reicht sowieso bis zur Mittagszeit. Draußen scheint bereits die Sonne, die Straßen sind wie leer gefegt. An der Haltestelle wieder kaum Leute. Heute sind meine morgendlichen Blickbekanntschaften wahrscheinlich bereits schon lange an ihren Schreibtischen.
Dieses Mal will ich es bis ins Büro schaffen, ohne auf die Uhr zu schauen. Ich lese die Zeitung mit den Nachrichten von gestern und schaue nicht auf den Bildschirm unter der Decke. Doch dann, nur ein kleiner Blick nach draußen aus dem Fenster. Zwischen zwei Häusern taucht plötzlich eine Kirchturmuhr auf, und die Zeit holt mich bereits kurz vor der Zielhaltestelle wieder ein. Nun kann ich auch meinen alten Freund, die Digitaluhr am «Central Transfer Point», begrüßen. Und die sagt mir: Es ist genau 8.50 Uhr, wie gestern.
Bis jetzt scheint meine innere Uhr trotz der Einflüsse von außen perfekt zu funktionieren. Mal sehen, wie sich das in den nächsten Tagen entwickelt.
jan