Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Es ging tatsächlich los: Seit drei Tagen spreche ich fremde Menschen an. Eigentlich ganz leicht, finde ich an Tag eins und merke schnell, dass ich mich zu früh gefreut habe.
Tag eins
Auf der Straße spricht mich eine dieser Marktforschungsfrauen an. Erst ärgere ich mich, dass ich das internationale Erkennungszeichen der Zunft, das Clipboard, erst so spät sehe und nicht ausweiche. Aber dann erkenne ich meine Chance: Anstatt sofort über meine Lieblingskonsistenz bei Joghurt Auskunft zu geben, frage ich: «Wie ist das eigentlich so für Sie, jeden Tag fremde Menschen anzusprechen?»
Genial, jubiliere ich innerlich, was für ein kluger Schachzug! Die Frau stutzt kurz, lacht dann und sagt: «Das hat mich noch nie jemand gefragt.» Ich denke, dass Sie tendenziell sowieso wenige Fragen gestellt bekommt, schließlich ist genau das ihr Job. «Naja», fahre ich fort, «ich muss jetzt sieben Wochen jeden Tag einen fremden Menschen ansprechen, ein Selbstversuch zur Fastenzeit.»
Die Frau lacht schon wieder und ich bekomme das Gefühl, dass sie im Lachen Unterricht nimmt. «Wenn Sie etwas zu sagen haben und sich vorher überlegen, wie Sie es sagen wollen, dann ist das eigentlich nicht schwer.» Und immer schön lächeln, denke ich noch bevor ich «eher flüssig, mit Fruchtstücken» ankreuze.
Tag zwei
Es regnet. Missmutig halte ich mich an meinem Schirm fest und warte auf die Straßenbahn. Im Trockenen erschien mir dieses Szenario perfekt, um das Tagessoll mühelos zu erfüllen. Doch plötzlich finde ich es völlig schwachsinnig, mit den Leuten um mich herum über das Wetter zu reden. Warum sollte ich das tun?
Eine Frau kauft am Automaten eine Fahrkarte, ich höre das späte Klimpern im Geldauswurfschacht, sie nicht. Ich fische den kalten Euro heraus und gebe ihn ihr, wortkarg meine ich noch: «Den haben Sie vergessen.» Sie bedankt sich, ich nicke und finde, dass das für heute reichen muss.
Tag drei
Ich bin geschafft. Von gestern. Denn: Im Laufe des Tages wurde mir wieder klar, warum ich das hier mache: Ein klassischer Fall von Smalltalk stand bevor, zwei Fahrstuhlfahrten und einen kurzen Fußweg lang. Ich holte einen Besucher der Redaktion vom Empfang ab und nahm mir vor, mich gleich nach dessen Anreise zu erkundigen. Das hatte ich ab und zu im Fernsehen gesehen und wurde es selbst schon gefragt. Wenig kreativ, aber solide.
Das Gespräch lief schleppend. Beim zweiten Fahrstuhl hatte ich schon dreimal das Thema gewechselt: Ich redete über die Deutsche Bahn, unsere Büros, die Stadt Leipzig. Ich glaube, man sah mir an, wie ich immer wieder nach neuen Themen suchte, obwohl ich am liebsten überhaupt nichts sagen wollte.
Der Besucher war freundlich, aber wortkarg – kein Einsteigermodell. Im Fahrstuhl starrte ich – natürlich – auf die Digitalanzeige für die Stockwerke und fand, dass die Zahlen irgendwie langsamer durchliefen als sonst. Als ich mich, endlich angekommen, empfahl, fiel mir plötzlich ein, dass der Besucher vielleicht gar keine Lust auf Smalltalk hatte. Ich verdrängte den Gedanken.
Heute lese ich im Süddeutsche Zeitung Magazin, wie Christian Ulmen versucht hat, eine Woche lang zu Schweigen. Ich ärgere mich, dass ich mich nicht dafür entschieden habe. Der ganze Ärger und die Übererfüllung meines Solls gestern sind einen Ruhetag wert. Oder?
ruk