Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
Kenianische Behörden haben den Pharmakonzern Pfizer auf zwei Milliarden Euro verklagt. Bei Medikamententests der Firma starben 1996 in Kenia elf Kinder, 200 erlitten Hirnschäden und Lähmungen. Um eine Einigung wird seit Jahren gerungen.
In Nigeria sollte heute ein Prozess fortgesetzt werden, der seit mehreren Jahren andauert und sich um ein Ereignis dreht, das 13 Jahre zurück liegt. Angeklagt ist das US-Pharmaunternehmen Pfizer. Mitarbeiter sollen 1996 im Bundesstaat Kano im Norden Nigerias das Antibiotikum Trovan an Kindern getestet haben, die an einer Hirnhautentzündung litten. Den kenianischen Behörden zufolge starben elf Kinder bei diesen Tests, rund 200 erlitten schwere Hirnschäden oder Lähmungen, wurden blind oder taub.
Die Medikamtentests erfolgten zu einer Zeit, als in Nigeria Zehntausende an Meningitis (Hirnhautentzündung) erkrankt waren. Die Behörden in Kano werfen Pfizer vor, diese Epidemie genutzt zu haben, um das Mittel illegal auszuprobieren, obwohl bereits bekannt war, dass es lebensbedrohliche Nebenwirkungen birgt. Der Konzern habe bewusst die Notlage von Familien und Kindern ausgenutzt. «Pfizer nutzte die Möglichkeit, die sich durch die Krise in Nigeria ergab, um etwas zu erreichen, was sonst nirgendwo möglich ist - nämlich schnell und unkompliziert ein möglicherweise gefährliches Medikament an Kindern zu testen», zitierte Spiegel Online im Mai 2007 die Klageschrift.
Pfizer wiederum sah damals keinen Zusammenhang zwischen den verstorbenen Kindern und den Medikamententests. Schuld an ihrem Tod sei allein die Hirnhautentzündung gewesen. «Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen», sagte heute ein Sprecher von Pfizer Deutschland auf Anfrage gegenüber news.de.
In einer vor zwei Jahren veröffentlichten Stellungnahme von Pfizer heißt es dazu: «Nach Auswertung der klinischen Daten ist ersichtlich, dass diese Studie nachweislich dazu beigetragen hat, Leben von Menschen zu retten: Etwa 94 Prozent der Patienten, die in der Studie mit Trovan oder dem Vergleichspräparat (Ceftriaxon) behandelt wurden, überlebten die Erkrankung. Bei nigerianischen Patienten, die nicht an der Pfizer-Studie [...] in Kano teilnahmen, lag die Überlebensrate hingegen zwischen 89 Prozent und 90 Prozent [...].»
Zudem seien die Tests nicht illegal erfolgt, sondern in Absprache mit den kenianischen Behörden. «Tatsache ist, dass nach der Vorlage des Studienprotokolls Pfizer von der nigerianischen Regierung die Genehmigung erhalten hat, eine klinische Studie mit Trovan zur Behandlung der Meningokokken-Meningitis durchzuführen.» Auch habe man stets die Erlaubnis der Eltern eingeholt, ehe den Kindern das Antibiotikum verabreicht wurde, hieß es in der Stellungnahme.
«Pfizer ist seit mehr als 50 Jahren in Nigeria engagiert und hat während dieser Zeit stets eng mit der nigerianischen Regierung, den Behörden des Landes und der nigerianischen Bevölkerung zusammengearbeitet. Das Ziel des Unternehmens war immer, das Land mit Programmen zur Verbesserung der gesundheitlichen Standards und der medizinischen Versorgungslage zu unterstützen», ließen Konzernmitarbeiter verlauten. Trovan habe sich 1996 bereits in der klinischen Endphase der Entwicklung befunden und sei in früheren Studien an «mehr als 5000 Patienten in den Vereinigten Staaten, in Europa und in anderen Ländern» getestet wurden.
Das Antibiotikum wurde zwei Jahre später, Anfang 1998, auf dem amerikanischen Markt zugelassen. Eine Warnung der US-Arzneimittelbehörde FDA vor gefährlichen Nebenwirkungen folgte prompt. Trovan könne schwere Leberschäden verursachen, hieß es in dem Bericht. In Europa wurde das Medikament im Juli 1998 «nach positiver Bewertung der klinischen Prüfungen an über 7000 Patienten zugelassen», schrieb damals das Deutsche Ärzteblatt. Bis April 1999 wurde es weltweit 2,5 Millionen Mal verschrieben.
Nach der Warnung durch Vertreter der FDA wurde Ärzten aber zumindest in den USA geraten, Trovan nicht länger zu verschreiben. Auch dort starben Patienten, die das Mittel missbräuchlich eingenommen hatten, schrieb der Tagesspiegel im Juni 2007. Die Zulassung in den USA ist seitdem eingeschränkt. In Europa wurde das Mittel wegen «unerwünschter Arzneimittelwirkung» schon 1999 wieder vom Markt genommen. Für Kinder war es weder in den USA noch in Europa jemals zugelassen.
Schon 2001 zogen 30 nigerianische Familien in New York gegen Pfizer vor Gericht. Das Verfahren dauert nach wie vor an. Weil der Prozess den kenianischen Behörden nicht schnell genug voran ging, reichten sie vor zwei Jahren in ihrem eigenen Land selbst Klage ein und fordern umgerechnet rund zwei Millarden Euro. Auch dieser Prozess wurde in der Vergangenheit immer wieder vertagt. Beide Seiten arbeiten Berichten der gemeinnützigen Gesellschaft Business & Human Rights Resource Centre zufolge seit November 2007 an einer außergerichtlichen Einigung und sollten sich heute zu näheren Details äußern. Dazu kam es jedoch nicht – die Sitzung wurde auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben, erklärte heute ein Sprecher von Pfizer Deutschland gegenüber news.de.