Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Sieben Wochen ohne Uhr. Das sagte sich so leicht dahin. Vor allem zu einer Zeit, da der Beginn unserer Aktion noch in der Zukunft lag. Doch je näher der Termin rückte, desto stärker wurden meine Zweifel an diesem Selbstversuch. Das ist ehrlich gemeint.
Weniger Bedenken habe ich, dass ich morgens zu früh oder zu spät im Büro erscheine. Anhand des Sonnenstandes kann man ganz gut einschätzen, wann es Zeit zum Aufstehen ist - hoffentlich. Und abends kann ich mich ja nach den Kollegen richten und schauen, wann sie nach Hause gehen.
Diese Zeitlosigkeit im Leben birgt auch Potenzial für kürzere Arbeitszeiten. Sollte ich eines Tages wengier Lust zum Arbeiten verspühren, dann richte ich mich einfach nach dem Frühdienst und tue so, als wüsste ich nicht, dass sie oder er bereits seit 5 Uhr arbeitet. Mal sehen, ob mich dann jemand fragt, ob ich nicht in der Lage bin, die Uhr zu lesen?
Was wirklich ein großes Problem ist: Nicht nur das Arbeitsleben ist streng nach den Zahlen auf der Uhr getaktet. Auch unser Privatleben ist in ein enges zeitliches Raster gebettet. Als umweltbewusster und ökonomisch denkender Bürger biete ich einmal pro Woche bei meiner Heimfahrt von Leipzig nach Dresden drei Sitzplätze im Auto über das Internet an. Doch in der jetzigen Situation werden sich potenzielle Mitfahrer doch niemals darauf einlassen, an einem vereinbarten Treffpunkt solange auf mich zu warten, bis ich das Gefühl habe, dass es Zeit zur Abfahrt ist.
Das bedeutet in den nächsten Wochen Bahnfahren - ist sowieso eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Und wenn sich da nicht allzu viel in den vergangenen Monaten getan hat, ist die Zeit bei der Deutschen Bahn sowieso meist relativ - zu den Verspätungen der Züge nämlich.
Nun gut. Jetzt sind es noch etwa sechs Stunden, bis mein Leben ohne Uhr beginnt. Die Zeitanzeige auf meinem Handy habe ich schon mal vorsorglich ausgeschaltet; die Uhr an meinem Computer auch, die Zeitanzeige am Telefon ist überklebt. Eine Armbanduhr trage ich schon seit Jahren nicht mehr. Aber irgendwie habe ich trotzdem schon jetzt das Gefühl, dass mir ein wichtiger Teil meines Lebens abhanden gekommen ist. Und dabei hat meine Zeit ohne die Zeit noch gar nicht angefangen.
seh