«Das ganze System wird immer verrückter»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 17.02.2009In den Alpen werden derzeit etwa 30 Prozent aller Pisten beschneit, Tendenz steigend. Über die Kosten für Kunstschnee, die Folgen für die Umwelt und die Zukunft des Skitourismus sprach news.de mit der Expertin Christine Markgraf.
news.de: Ob aus der Kanone oder natürlich – ist es nicht eigentlich egal, woher der Schnee kommt?
Markgraf: Hierfür muss man den Produktionsprozess betrachten. Für Kunstschnee wird Energie benötigt, er braucht Wasser, vor allem aber hängt an dieser Produktion ein ganzer Rattenschwanz an Baumaßnahmen wie Leitungen oder Speicherteiche. Man greift also, nachdem das durch Pistenpräparierungen und ähnliches ohnehin schon geschehen ist, wieder in den Hang und den Berg ein. Das erhöht die Erosionsgefahr und der Hang wird noch ein Stück künstlicher. Man muss sich einfach grundsätzlich fragen, wie das weitergehen soll, wenn es noch wärmer wird. Denn der Kunstschnee hält ja den Klimawandel nicht auf, dafür aber die Umorientierung im Wintersport.
news.de: Unterscheidet sich Kunstschnee in seiner Zusammensetzung von natürlichem Schnee?
Markgraf: Allerdings, vor allem chemisch. Denn Kunstschnee wird aus Bächen oder inzwischen sogar aus Trinkwasser gewonnen, was ich für völlig verrückt halte. Das führt dazu, dass er nährstoffreicher ist. Und er ist von seiner Struktur her dichter, denn er wird in kürzester Zeit mit enormem Druck zusammengepresst. Das führt zum Beispiel auch dazu, dass eine künstlich beschneite Piste schneller vereist, was viele Skifahrer gar nicht schätzen.
news.de: Welche Folgen hat das nährstoffreichere Wasser für die Natur?
Markgraf: Das Problem ist, dass auf den Berghängen die Düngung durch den Menschen fehlt und sich hier Pflanzen angesiedelt haben, die an nährstoffarme Bedingungen angepasst sind. Diese werden nun verdrängt durch Pflanzen, die es sozusagen fetter mögen. Es findet ein Verdrängungsprozess statt.
news.de: Beschneite Pisten schmelzen langsamer ab als natürliche, dadurch verschiebt sich die Wintersaison um bis zu drei Wochen künstlich nach hinten. Wie wirkt sich das auf die Umwelt aus?
Markgraf: Das kann zur Folge haben, dass sich unter dem Kunstschnee Fäulnis bildet, manchmal sieht man das auch auf den Pisten. Das liegt daran, dass die Pflanzen hier nicht genügend Sauerstoff bekommen. Und jede zusätzliche Schwächung ist ein weiterer Punkt, der zu mehr Erosion führen kann.
news.de: Wie sieht es mit Zusatzstoffen und Chemikalien aus?
Markgraf: In Deutschland sind die noch verboten, in anderen Ländern teilweise nicht. Dort wird vor allem das so genannte Snow Max eingesetzt, dass aus Eiweißen von abgetöteten Bakterien besteht und dafür sorgen soll, dass auch bei höheren Temperaturen noch beschneit werden kann. Das Problem aber ist, dass eben nicht alle Bakterien tot sind und einige davon in den Boden eindringen. Die Folgen sind noch überhaupt nicht ausreichend untersucht worden. Die aber könnten sehr gravierend sein. Der finanzielle Druck, noch weitere Zusätze zu nutzen, ist natürlich gewaltig. Es gibt sogar Überlegungen, gentechnisch veränderte Organismen dafür zu nutzen. Das wäre katastrophal. Das ganze System wird einfach immer verrückter.
news.de: Das heißt, man nutzt eine Technik, deren Folgen man nicht abschätzen kann?
Markgraf: Allerdings. Man müsste zunächst untersuchen, zu welchen Wechselwirkungen es mit bereits im Boden vorhandenen Organismen kommen könnte. Das Ganze ist ein Experiment zu Lasten der Natur und auch zu Lasten des Menschen. Ich nenne hier nur das Stichwort Trinkwasser, auch hier sind die Folgen noch nicht untersucht. Man versucht, krampfhaft einen Wirtschaftszweig aufrecht zu erhalten, der sich eigentlich umorientieren müsste, koste es, was es wolle.
news.de: Die meisten Schneekanonen laufen nachts, um mit ihrem Lärm die Urlauber nicht zu stören. Wie laut sind solche Geräte?
Markgraf: Hier gibt es verschiedene Systeme, die alle unterschiedlich laut sind. Und auch die Entwicklung geht voran, in den letzten Jahren sind Schneekanonen durchaus leiser geworden. Laute Hochdrucksysteme aber kommen direkt an der Kanone durchaus auf Werte von 100 Dezibel (100 Dezibel werden bei einem Presslufthammer in einer Entfernung von zehn Metern gemessen, Anm. d. R.). Diese Kanonen sind durchaus noch in mehreren Kilometern Entfernung zu hören.