Die Schule sorgt selbst für Versager
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Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Artikel vom 13.02.2009Für Tausende Schüler ist es Alltag: Trotz deutscher Schulpflicht lassen sie sich an den Schulen nicht blicken. Thomas Olk, Professor für Sozialpädagogik, kennt die Ursachen - und er glaubt an einfache Methoden, die abhelfen können.
news.de: Professor Olk, warum weigern sich so viele Schüler, zur Schule zu gehen?
Olk: Das hat viele Gründe. Häufig ist das häusliche Umfeld mit seinen materiellen Lebenslagen und Beziehungskonflikten ausschlaggebend. Mitschüler und Lehrer übersehen es nicht, wenn Familien kaum Geld haben. Das grenzt aus.
news.de: Spielt da nur der materielle Wohlstand eine Rolle?
Olk: Entwicklungskrisen wie die Pubertät sind genauso entscheidend. Die jungen Leute brauchen da einfach Unterstützung, die sie von Eltern, aber auch von Lehrern oft nicht bekommen. So lassen sich die persönlichen Konflikte nicht lösen. Stattdessen werden die Probleme noch zugespitzt, weil oft nur aufmüpfiges Verhalten gesehen wird, sich aber nur wenige bemühen, die Ursachen zu ergründen.
news.de: Sind die Zahlen der Schulversager eigentlich an allen Schulen gleich?
Olk: Nein. Da wo positives Schul- und Klassenklima herrscht, gibt es deutlich weniger Versager. Und das können die Schulen entscheidend selbst beeinflussen.
news.de: Wie sieht denn so ein positives Schulumfeld aus?
Olk: Es ist eine Gemeinschaft, eine, die nicht hänselt, jemand aufgrund seiner Lebensbedingungen ausgrenzt oder verwahrloste Umgangsformen pflegt. Schüler und Lehrer müssen sich an diesem Ort gleichermaßen wohl fühlen.
news.de: Ein schönes Bild. Aber wo ist das schon real?
Olk: Da, wo man mit Menschen sensibel umgeht. Und wenn Schule sich dafür sensibilisiert, dass Ausgrenzung existiert und diese nicht ignoriert. Wenn sich Lehrer und Mitschüler als mitverantwortlich betrachten und sich engagieren, anstatt hinzunehmen, dass jemand aus der Gruppe herausfällt, trägt das dazu bei, Selbstbewusstsein zu stärken und bei der Bildung zu unterstützen.
news.de: Wann kann man nichts mehr tun?
Olk: Eigentlich ist Schulversagen ein Prozess, der sich langsam aufschaukelt. Aber man kann ihn zu jeder Zeit beeinflussen und damit das Schulversagen verstärken oder aber es zu mindern. Wenn man Kindern dabei hilft, ihre Probleme zu lösen und ihnen zu Erfolgen verhilft, sind sie auch bereit, sich selbst um ihre Bildung zu bemühen. Das haben wir aus Befragungen mit Betroffenen ermitteln können.
news.de: Vielfach wird kritisiert, dass die Klassen viel zu groß sind, um wirklich gute Bildungsarbeit leisten zu können.
Olk: Wenn ein Lehrer mit 30 Schülern gleichzeitig arbeiten muss, ist das tatsächlich sehr viel. Bei solchen Verhältnissen sind zwei Lehrkräfte einfach besser. Die Schulforschung ist sich aber nicht einig, ob die Klassengröße Schulabbruch und Schulverweigerung tatsächlich einscheidend beeinflusst. Die persönlichen Voraussetzungen spielen eine deutlich wichtigere Rolle.
news.de: Beispielsweise auch, dass Mädchen und Jungen unterschiedlich lernen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan forderte deshalb, die getrennten Unterricht in einigen Fächern. Was halten Sie davon?
Olk: Bei bestimmten Unterrichtsthemen kann das tatsächlich wirksam sein. Eine generelle Geschlechtertrennung, wie sie früher üblich war, ist heute aber nicht angemessen. Aber auch beim gemeinsamen Unterricht müssen Lehrer darauf eingehen, dass Jungen anders lernen als Mädchen. Sonst werden künstlich noch zusätzliche Probleme geschaffen.
news.de: Apropos Lehrer: Wo hapert es denn bei deren Ausbildung?
Olk: Die muss stärker darauf vorbereiten, dass der Lehrerberuf eben nicht nur die Vermittlung von Wissen umfasst. Junge Lehrer müssen vielmehr lernen, dass sie eine Klasse steuern, sie lenken müssen und nicht nur stur Lehrstoff abarbeiten. Zudem müssen sich die Pädagogen methodisch breiter aufstellen, differenzierter unterrichten. Frontalunterricht ist das falsche Mittel.
Professor Thomas Olk ist Hochschullehrer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Er wird bis 2013 das sachsen-anhaltinische Landesprogramm «Projekte zur Vermeidung von Schulversagen und zur Senkung des vorzeitigen Schulabbruchs» wissenschaftlich begleiten.
ruk
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