Fr., 25.05.12

Die Macken im Bildungssystem 13.02.2009 «Nicht die Kinder, die Erwachsenen versagen»

Bund und Länder geben mehr für Bildung aus (Foto)
Das deutsche Bildungssystem krankt an starren Lehrplänen und zu wenig jungen Lehrkräften. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Deutschlandweit gibt es mehr als 300.000 Schulverweigerer. Eine mit Vorsicht zu genießende Zahl. Denn Statistiken sagen nichts zu Dunkelziffern - und noch weniger zu den Gründen, warum Schüler dem Bildungssytem die kalte Schulter zeigen.

«Bildung ist das solide Rüstzeug für das Leben», sagt Sachsen-Anhalts Sozialministerin Gerlinde Kuppe. Doch was den meisten Erwachsenen einleuchtet, kommt bei Schülern kaum an. Denn die haben oft mit mehr zu kämpfen, als sich Wissen anzueignen.

«Den Schulbesuch zu verweigern, ist kein Problem der Intelligenz, sondern der persönlichen Probleme», so die Ministerin. Die sich ständig modernisierende Gesellschaft trage dazu bei, dass die Lernausgangsbedingungen immer weiter differieren, bestätigt Landeskultusminister Jan-Hendrik Olbertz. Das zu erkennen und individuell entgegen zu wirken, sei Aufgabe der Schule und der Ansatzpunkt für Sozialarbeit an den Bildungseinrichtungen.

«Es gibt kein Kind, das keine Stärken hat», stellt Olbertz klar. Es sei höchst aufwändig, die herauszufinden, aber nötig, um Bildung und Persönlichkeit der Kinder zu stärken. Denn, so meint der Kultusminister: «Kinder können nicht versagen. Es sind die Erwachsenen, die sie in die missliche Lage bringen, den Anschluss zu verlieren.» Wird dagegen nichts unternommen, verlangsamt sich der Bildungsfortschritt. Die Krise spitzt sich zu. Und dann werde es immer schwieriger, das Ruder noch rumzureißen.

Die Schule kann das nur schaffen, wenn die Unterstützung auch aus der Familie kommt. Erfolgserlebnisse sind der Schlüssel. Doch Bestätigung wirkt nur, wenn sie auch von Eltern positiv reflektiert wird. Dagmar Pohl, Leiterin der Ganztagsschule Zoberberg in Dessau, aber weiß: «Viele Eltern haben zu viel mit eigenen Problemen zu tun, sind durch ihre Arbeit so überfordert, dass sie den Kindern hilflos gegenüber stehen.» Hinzu kämen steigende Armut und daraus resultierend mangelnde Materialien.

Das bremst die Kinder nicht nur, es macht sie auch unsicher und grenzt sie aus. Folgenschwer. Denn die Schule verstärkt den Effekt, weil sie soziale Mängel nicht aufheben kann. «Leider werden Schüler eher aussortiert als durch Schule integriert», weiß der Berliner Pädagoge und ehemalige Interimsleiter der Rütli-Schule, Helmut Hochschild. «Darauf reagiert auch der Arbeitsmarkt, der vor einigen Jahren noch Interesse an Hauptschülern hatte, ihnen inzwischen aber kaum noch berufliche Chancen gewährt.» Das müsse geändert werden. Dazu könne auch die Schule beitragen.

Beispielsweise indem Schülerfirmen angeregt werden - unterstützt von der Wirtschaft, von Vereinen. «Leider vertreten einige Schulen noch immer die Position: ‹Wir sind vormittags dran, die anderen nachmittags.› Das ist nicht zeitgemäß.» Das habe Hochschild anhand einer Schülerfirma gelernt. Er war skeptisch, als diese gebeten wurde, außerhalb aktiv zu werden. Das Ergebnis hat ihn eines besseren belehrt.

Und er hat begriffen: Es ist wichtig, Schüler nicht nur mit Wissen, sondern mit praktischer Arbeit zu konfrontieren. Nur so lernen sie, dass etwa Pünktlichkeit und Genauigkeit nicht nur Pflichten sind, sondern auch Erfolg bringen können. Und Firmenchefs lernen, dass Hauptschüler etwas leisten können. «Das kann eine Lehrstelle einbringen, selbst wenn die Zeugnisse nicht rosig aussehen», hat Hochschild erlebt.

Um derlei zu erreichen, müssten Schulen jedoch die aus der Gewohnheit geborene Blindheit aufgeben. Daran aber krankt das Bildungssystem, verschärft durch die vielerorts übliche Überalterung der Kollegien. «Es ist einfach schwer, die Älteren für den nötigen Wandel zu gewinnen», sagt der Berliner Pädagoge. Für Pohl ist klar: «Ein Lehrer muss brennen, er muss überzeugt sein von dem, was er tut. Und er muss in der Lage sein, andere begeistert mitzunehmen.»

Diese Energie haben junge Lehrer noch. An den Schulen kommt die Begeisterung aber selten an: «In den vergangenen Jahren durfte ich das nicht erleben. Das Land hat keine jungen Kollegen für unsere Schule eingestellt.» Und das, obwohl Sachsen-Anhalt Lehrerausbildung bietet. «Das Potenzial ist da, aber leider lässt die Politik zu, dass das in andere Bundesländer abwandert», bedauert die Schulleiterin.

ruk
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Odin
  • Kommentar 2
  • 25.02.2010 13:54
 

An ohne Namen: Sie reden von der Vergangenheit. Auch ich bin noch so erzogen worden. Wir hatten Respekt vor den Lehrern und die hatten einen großen Einfluss auf unsere Erziehung.Das würde heute auch funktionieren, wenn: 1. Die Lehrer wieder Lehrer und nicht Leerer wären. 2. Die Eltern den Lehrern ihre Kompetenz nicht absprechen würden und nicht wegen den Vergehen ihrer Plagen gleich den Rechtsanwalt einschalten. 3. Schule wieder für und von Schülern gemacht wird und nicht von politischen Spinnern.

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  • Kommentar 1
  • 13.02.2009 18:07
 

es ist so, die Eltern sind heute der Meinung, dass die Lehrerihre Kinder erziehen sollten, was für ein Unsinn. Die Eltern sind verantwortlich für die Kinder - die Eltern machen es sich einfach zu leicht. Selbst habe ich zwei Kinder groß gezogen nebenbei 8 Stunden gearbeitet - abends war die Zeit der Hausaufgaben und der Spiele bis cirka 20.30 Uhr - danach habe ich mich um den Haushalt gekümmert sobald die Kinder geschlafen haben.Das hat gut funktioniert, war auch immer für Gespräche und Belange der Kinder da, es wurde auch diskutiert. Heute weiß ich, dass ich nicht falsch gemacht habe

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