Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Auf dem Hamburger Kiez kannte sie jeder. Als Prostituierte saß Domenica hinter einem Schaufenster in der Herbertstraße. Seit den 1980er Jahren kämpfte die gebürtige Rheinländerin für die Rechte ihres Berufsstandes. Nun starb Domenica 63-jährig in einem Hamburger Krankenhaus.
Das Kämpfen hat Domenica schon früh gelernt. Den Mut, mit dem sie sich später für die Belange von Prostituierten einsetzte, erbte sie von ihrer Mutter Anna. Die floh kurz nach dem Krieg vor einem gewalttätigen Ehemann, brachte ihre Kinder mit Betteln und kleinen Betrügereien durch. Als sie verhaftet wurde, landete Domenica mit ihrem Bruder in einem katholischen Waisenhaus. Dort blieb sie bis sie 14 war. Mit 17 Jahren lernte Domenica ihre erste große Liebe kennen - einen Bordellbesitzer, 25 Jahre älter als sie.
Nach zehn Jahren Ehe nahm sich ihr Mann das Leben. Wieder auf sich allein gestellt, stieg Domenica selbst ins älteste Gewerbe der Welt ein. Mit 27 begann sie als Prostituierte in einem Hamburger Großbordell und in der Herbertstraße zu arbeiten. Später machte sie sich als Domina selbstständig. Ihre streng zurückgekämmten dunklen Haare und ihre üppige 115-Zentimer-Oberweite wurden ihr Markenzeichen.
Schon in den 1970er Jahren begann Domenica, sich offen für die Rechte von Prostituierten einzusetzen - damals eine Provokation. Mit Charisma, Charme und Witz schaffte es Domenica in die Fernseh-Talkshows. Unermüdlich propagierte sie die Anerkennung und Legalisierung ihres Berufsstandes. Ihre offene Art erzürnte das konservative Establishment. Und Domenica, die gelernt hatte, auf der Klaviatur der Medien zu spielen, trug ihren Teil dazu bei, die Emotionen hoch zu halten. Während des Deutschlandbesuchs von Johannes Paul II. trat sie bei einem schwul-lesbischen Stadtfest als Gegenpäpstin auf und sprach den Transvestiten Charlotte von Mahlsdorf heilig. Die CSU brachte darauf im Bundestag einen Gesetzentwurf ein, der die Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses unter Strafe stellen sollte.
Domenica war zum Medienereignis geworden, zur berühmtesten Hure Deutschlands. Künstler und Intellektuelle sonnten sich in ihrem Glanz, ließen sich von ihr inspirieren. Für einen Skandal sorgte ein Plattencover der Band Trio, auf dem Domenicas Brüste und der Text «Bum Bum» abgebildet waren. Der Schriftsteller Wolf Wondratschek widmete ihr Gedichte. «Wenn sie mit dem Hintern wackelt, fließen die Flüsse bergauf», schwärmte er in einer Verszeile.
Doch die Hure, die nun in Musikvideos auftrat, Filme drehte und eine Autobiografie veröffentlichte, vergaß neben dem Hochglanzleben nicht ihr soziales Engagement. Domenica gründete das Prostituierten-Hilfsprojekt Raggazza, arbeitete als Sozialarbeiterin und kümmerte sich um junge Mädchen auf der Straße. Mit 52 Jahren zog sie einen Schlussstrich. «Ich halte es nicht mehr aus», sagte Domenica 1997. Sie hatte zu viele Menschen sterben sehen. Die Ex-Hure machte in Hamburg eine Kneipe auf, hatte aber als Gastronomin wenig Glück. Die Steuerschulden drückten, ihr Etablissement, das «Fick», musste schließen. Domenica zog es in die Provinz. In der Eifel hatte sie von ihrem Bruder eine Pension geerbt.
Lange hielt sie es dort nicht aus. Die Einsamkeit, die Langeweile. Letztes Jahr kam Domenica zurück nach Hamburg, in ihren Kiez. «Auf St. Pauli ist man niemals allein», schwärmte sie. Gesundheitlich ging es ihr allerdings immer schlechter - Diabetes, Probleme mit den Bronchien. Trotzdem qualmte sie weiter. Bis zu zwei Schachteln am Tag. Letzten Freitag kam sie mit schweren Kreislaufproblemen ins Krankenhaus. Auch die Lunge machte nicht mehr mit. Heute hat Domenicas großes Herz aufgehört zu schlagen. Sie wird vermisst werden - nicht nur auf St. Pauli, nicht nur in Hamburg. In ganz Deutschland.