Von Karsten Mark
Nachdem der mutmaßliche Mörder der achtjährigen Kardelen gefasst ist, macht sich in ihrer Heimatstadt Paderborn Erleichterung breit. Doch noch sind viele Fragen ungeklärt, etwa, wie das Mädchen zum 60 Kilometer entfernten Fundort kam.
«Gott sei dank, dass er verhaftet wurde», sagt eine 38-jährige Frau in Paderborn. Bis sich wieder Normalität einstelle, werde es aber wohl noch dauern, fügt die Frau hinzu, die sowohl Kardelens Familie als auch den Verdächtigen Ali Kur vom Sehen her kannte. «Man ist aus seiner Sicherheit herausgerissen worden», sagt sie. «Wir bringen die Kinder jetzt morgens wieder zum Bus.»
An das Verbrechen erinnert noch vieles in der Straße, in der das ermordete Mädchen mit seinen Eltern lebte: In Sichtweite von Kardelens Kinderzimmer haben Nachbarn und Fremde eine improvisierte Gedenkstätte für sie errichtet. Auf die vielen Stofftiere und Spielzeuge hat sich leichter Schnee gelegt. Am Baum in der Mitte hängt noch immer das große Fahndungsplakat, mit dem die Polizei nach Zeugen für die Tat suchte.
Aufgeklärt sei der Fall aber auch jetzt noch nicht, betont die Paderbornerin. «Wir wollen auch noch wissen, wer das tote Mädchen zum Möhnesee gefahren hat.» Der mutmaßliche Täter und seine Frau hätten doch weder ein Auto noch einen Führerschein gehabt, fügt sie hinzu. Die gleichen Fragen beschäftigen nach wie vor auch die Paderborner Ermittler. Diese hoffen nun auf Antworten von Ali Kurs Frau, die mit ihrem Mann in die Türkei geflüchtet war.
Auch Yasar Koçan, ein Nachbar des mutmaßlichen Täters, hatte nach dem Mord Angst um seine drei Kinder. Die Festnahme des Flüchtigen sei eine gute Nachricht, sagt er, «damit so etwas nicht wieder passiert».
Eine 35-jährige türkische Mutter berichtet, ihre achtjährige Tochter habe die Nachricht von Kardelens Ermordung besonders getroffen. Drei Jahre lang waren die gleichaltrigen Mädchen vorher zusammen in den Kindergarten gegangen. «Wir konnten nicht mehr schlafen», sagt die junge Mutter, «bei jedem fremden Auto hatten die Kinder Angst.» Auch sie kann sich nicht vorstellen, dass bald wieder Normalität einkehren wird.
Oft ist an diesem Tag zu hören, es sei vielleicht besser, dass der mutmaßliche Mörder voraussichtlich in der Türkei verurteilt werde. Dort seien die Strafen bestimmt härter als in Deutschland, sagen einige Paderborner.
Nachbarin Bärbel Giovannelli findet das hingegen nicht. Auch die 45-Jährige möchte, dass der Mörder hart bestraft wird - allerdings in Deutschland. «Der Mord ist hier begangen worden und deshalb müsste er auch hier vor Gericht kommen», sagt sie. Den Fall sei «nicht einfach aus der Welt», fügt sie hinzu: «Ich glaube, die Bürger haben ein Recht darauf, am Ende alles zu erfahren.»
Die achtjährige Kardelen war Mitte Januar in der benachbarten Wohnung Kurs in Paderborn missbraucht und anschließend erstickt worden. Drei Tage später wurde ihre Leiche 60 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt am Möhnesee gefunden. Kur hatte sich jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Ehefrau in die Türkei abgesetzt. Er wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht und gestern Abend festgenommen.
mas/ruk