Fr., 25.05.12

Kindesmisshandlung 10.02.2009 Jugendamt räumt Versäumnisse ein

Die Mutter der kleinen Lea-Marie wurde bereits zu neun Jahren Haft verurteilt, weil sie ihrer Tochter wiederholt Essigessenz und Kalkreiniger eingeflößt hatte. Nun steht auch eine ehemalige Mitarbeiterin des Jugendamts vor Gericht, weil sie deutliche Anzeichen für den Missbrauch übersehen haben soll.

Im Fall der von der eigenen Mutter misshandelten Lea-Marie aus Teterow (Mecklenburg-Vorpommern) hat eine frühere Jugendamts-Mitarbeiterin vor Gericht Versäumnisse eingeräumt. Sie habe den Anruf einer besorgten Ärztin entgegengenommen, deren Hinweise per Notiz der zuständigen Kollegin übermittelt, den Vorgang aber nicht weiter verfolgt. Sie bereue nun zutiefst und mache sich Vorwürfe, ließ die Angeklagte heute zu Beginn des Prozesses am Amtsgericht Güstrow ihren Anwalt erklären. Die 56-Jährige ist wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen angeklagt.

Dem im Januar 2001 geborenen Kind waren von April 2003 bis Juni 2006 von seiner Mutter vielfach Essigessenz und Kalkreiniger eingeflößt worden. Das Martyrium Lea-Maries wurde erst nach knapp 30 Krankenhausaufenthalten entdeckt. Das Landgericht Rostock verurteilte die Frau, die ihr Kind zudem mit heißem Wasser übergossen hatte, im Januar 2007 zu neun Jahren Haft.

Der Prozess in Güstrow soll nun klären, ob das Jugendamt einen Teil der Verantwortung für das Leiden des Mädchens trägt. Auch gegen Mediziner, bei denen das Kind in Behandlung war, wurde ermittelt. Lea-Marie muss wegen schwerster Verletzungen der Speiseröhre ihr Leben lang behandelt werden. Sie lebt heute in einer Pflegefamilie.

Die Angeklagte, die inzwischen im Sozialamt Güstrow beschäftigt ist, hatte nach eigenen Angaben im Mai 2003 einen Anruf aus einem Krankenhaus erhalten, in dem Lea-Marie damals behandelt wurde. In dem Gespräch habe die heute als Zeugin gehörte Ärztin einen Hausbesuch von Jugendamts-Mitarbeitern angeregt. Eine entsprechende Notiz war dann jedoch nicht weiter beachtet und bearbeitet worden. Das sei ihr heute unerklärlich, ließ die Angeklagte mitteilen.

Laut Urteil des Landgerichts Rostock hatte sich die Mutter ihrem wehrlosen Kind gegenüber brutal, kaltblütig und hinterlistig verhalten. Der Richter sagte am Ende des Prozesses: «Lea-Maries Leidensweg hätte abgekürzt werden können, wenn diejenigen, die davon hätten erfahren können, ja müssen, gehandelt hätten.»

mas
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 11.02.2009 01:43
 

Solange sich die Fallbelastungen der Mitarbeiter nicht deutlich reduzieren, werden solche Vorfaelle und Versaeumnisse nicht zu stoppen sein. Nicht zuletzt durch soziele Kriesen werden Agressionen und Verzweifelung zunehmend an Kindern ausgelassen,waehrend sich die Arbeitsbelastung, durch Personaleinsparung auch an den Sozialmitarbeitern drastisch auf ein unertraegliches Mass erhoeht hat, dass eine notwendige Aufmerksamkeit und Sensibilisierung fuer derartige Faelle einfach nicht mehr moeglich und leitbar ist. Wie waere es mit mehr Ursachenanalyse und weniger, simpler Schuldzuweisung?

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