Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
Das weltgrößte Panorama ist Geschichte, hängt zerrissen und mit Farbklecksen verunstaltet an seiner Aufhängung. Doch von Trauer keine Spur. Im Gegenteil. Am glücklichsten über diesen Frevel ist Yadegar Asisi, der Künstler selbst.
Yadegar Asisis Augen strahlen vor Freude. Soeben wurde eines seiner Werke, das bisher weltgrößte 360-Grad-Panorama, für immer unbrauchbar gemacht, vernichtet. Dennoch hat der 54-jährige Architekt und Künstler sein Ziel erreicht. «Ich wollte das Leuchten in den Augen der Leute sehen, die mir vorher gesagt haben, ich kann das auf keinen Fall zerstören», sagt er lächelnd. Und für den gebürtigen Österreicher steht fest: Ein Werk hat er gar nicht zerstört. «Nur eine 600 Kilogramm schwere bedruckte Stofffleinwand.»
Seit November 2005 war das Panorama «Rom CCCXII» in einem ehemaligen Gasometer in Leipzig öffentlich zugänglich. 600.000 Menschen sahen das Kunstwerk seitdem, das 31 Meter hoch und 106 Meter lang ist. Auf rund 3300 Quadratmetern eröffnete sich dem Betrachter der Einmarsch von Kaiser Konstantin und seinem Heer in Rom im Oktober 312.
Doch Konstantins Zeit ist abgelaufen. Ende März wird sich den Besuchern an seiner Stelle der tropische Regenwald des Amazonas präsentieren. Um Platz dafür zu schaffen, muss Rom weichen. So hat Asisi zahlreiche Menschen um sich versammelt, die gemeinsam mit ihm Abschied nehmen sollen. Auf eine ganz besondere Art und Weise.
Mit 250 Litern Farbe machen sich die rund 100 anwesenden Besucher an der Leinwand zu schaffen. Symbolisch soll das alte Rom in eine grüne Oase verwandelt werden – und so als Vorbote dienen auf das, was als nächstes kommt. Von Wemut keine Spur. Der Gedanke, ein großartiges Kunstwerk zu zerstören, kommt bei kaum jemanden auf. «Es ist ein einmaliges Gefühl hier dabei zu sein», sagt Kerstin Lorenz, während sie mit einer großen Wasserspritzpistole grüne Streifen auf eine antike Mauer malt. Wer direkt vor der Leinwand steht, hat zu dem riesigen Kunstwerk keinen Bezug mehr, sieht nur noch Ausschnitte, einzelne Pixel.
Von Lichteffekten und Trommelwirbeln begleitet, toben sich große und kleine Besucher eine Viertelstunde lang an der Leinwand aus. «Du hast deine Schuldigkeit getan», verabschiedet auch Yadegar Asisi das Gemälde, das in den nächsten Tagen vollständig zerstört und entsorgt wird. «Kunst ist vergänglich», sagt der Künstler und ist am Ende des Abends froh, «ein so lustiges Fest» erlebt zu haben. «Das war ein schönes Abschluss, wir werden uns sicherlich alle gern daran erinnern.»
Yadegar Asisi knüpft mit seinen riesigen Panoramabildern – in Dresden hängt seit Dezember 2006 ein 105 Meter langes und 27 Meter hohes Abbild der Landeshauptstadt aus dem Jahr 1756 – an eine Tradition aus dem 19. Jahrhundert an. Das Gemälde um den Einzug Konstantins in Rom basierte auf einer Vorlage von 1889. Der Schweizer Architekt Josef Bühlmann und der deutsch-ungarische Künstler Alexander von Wagner brauchten acht Jahre, um das letztlich 16 Meter hohe und 120 Meter lange Panorama per Hand zu malen.
Das Werk der beiden verschwand, als es zu Ausstellungszwecken in die USA überführt werden sollte. Bis heute gibt es keine Spur von dem Original, doch rund 100 Jahre später tauchten schwarz-weiß-Fotografien davon auf. Asisi bekam diese zu Gesicht – und die Idee eines Neuzeitpanoramas war geboren.
Zu seinem neuen Werk «Amazonien», dass ab dem 28. März im Panometer Leipzig zu sehen ist, hat Asisi ein besonderes Verhältnis. Es ist eine Hommage an den deutschen Naturforscher Alexander Humboldt (1769 - 1859). Dieser hatte sich zu Lebzeiten stets gewünscht, auch den brasilianischen Regenwald auf Großleinwand abgedruckt zu sehen. Nun, 150 Jahre nach seinem Tod, wird ihm dieser Wunsch erfüllt. Asisi selbst hat für sein neues Panorama mehrere Reisen in den Amazonas unternommen und verspricht künftigen Besuchern im Namen Humboldts ein «Zauberbild der Natur».
Außerdem hat Asisi gerade einen zweiten Vertrag mit den Leipziger Stadtwerken geschlossen. Im Juni bezieht er mit seiner Firma Asisi Visual Culture einen weiteren Gasometer in der Messestadt. Was dann kommt, will er noch nicht verraten. «Lassen Sie mich mal machen, ein wenig herum experimentieren», erklärt er geheimnisvoll. Der Vertrag für das Panometer läuft noch mindestens sieben Jahre mit der Option, auf weitere zehn Jahre zu verlängern. Man darf also gespannt sein, womit der Künstler in den nächsten Jahren noch überrascht.