Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
Mehr als 500.000 Menschen haben seit November 2005 eines der größten 360-Grad-Panoramas im alten Gasometer in Leipzig gesehen. Nun soll «Rom CCCXII» mit Hilfe der Besucher zerstört werden. Warum, das verriet der Künstler im Gespräch mit news.de.
news.de: Das antike Rom ist Ihr zweites Riesenpanorama im ehemaligen Leipziger Gasometer. Dass es abgehängt werden muss, weil ab dem 28. März das nächste Panorama «Amazonien» folgt, ist verständlich. Aber warum soll es komplett zerstört werden?
Asisi: Alle sagen mir, ich muss das aufheben. Aber wofür denn? Für mich ist der Wert dieses Bildes nicht das Bild selber. Der Wert liegt für mich darin, in der Installation drin zu stehen. Und das kann man durch nichts ersetzen. Wenn das Bild erst einmal abgehangen wird, ist es nichts weiter als ein Stückchen bedruckter Stoff, das 600 bis 700 Kilogramm wiegt. Und was soll ich damit? Als Datei ist das antike Rom ja immer noch vorhanden, im Grunde zerstöre ich also gar nichts.
news.de: Würden Sie es nicht noch einmal aufhängen?
Asisi: Nein. Wenn ich Rom noch einmal aufhängen würde, dann würde ich das Panorama ganz anders machen, inhaltlich und formell. Ich habe ein Bild aus dem 19. Jahrhundert als Vorlage genutzt. Mittlerweile sind die Wissenschaft und die Archäologie aber schon viel weiter. Die Stadien zum Beispiel sind aus heutiger Sicht falsch dargestellt. Außerdem müssen Sie sich das wie bei einem Theaterstück vorstellen. Da wird ja auch nicht diskutiert, ob das Bühnenbild bis in alle Ewigkeit aufgehoben werden soll, wenn das Stück vorbei ist. Man muss akzeptieren, dass jede Installation ihre Zeit hat.
news.de: Warum versteigern Sie das Panorama nicht für einen guten Zweck?
Asisi: Das sagen Sie so einfach. Dieser gute Zweck existiert für mich nicht. Ich engagiere mich schon gemeinnützig, arbeite zurzeit auch an einem neuen Projekt mit dem WWFGemeint ist die Umweltorganisation World Wide Fund For Nature, ehemals World Wildlife Fund. Die Stiftung, deren Logo ein Pandabär ist, wurde 1961 gegründet (1963 in Deutschland) und ist mittlerweile in 100 Ländern aktiv. Der WWF hat sich zum Ziel gesetzt, die weltweite Zerstörung der Natur zu verhindern und die Vielfalt der Arten zu erhalten. . Aber das Versteigern hört sich leichter an, als es ist. Das Werk in seiner Gesamtheit nützt doch niemandem etwas. Da müsste man erst mal ein neues Gebäude drumherum bauen, in dem man es wieder aufhängen kann. Also müsste man es zerschneiden und dann die Einzelteile versteigern. Das will ich nicht.
news.de: Und was passiert am Sonntag?
Asisi: Wir verabschieden etwas, um Platz für Neues zu schaffen. Sie können das Zerstörung nennen. Für mich ist es eine große Chance, eine Installation. Ich kann hier ein paar Löcher reinschneiden, dort mit Licht arbeiten. Das wird eine richtige Attraktion. Wann können Sie schon mal auf so einem großen Stück Stoff mit Farbe herumspritzen. Das macht doch Spaß.
news.de: Ist das Ganze nicht ein reiner PR-Gag, um Werbung für «Amazonien» zu machen?
Asisi: Wenn Sie das so sehen, was soll ich dazu sagen. Dann wäre doch alles ein PR-Gag. Ob ich es nun zerschneide und verkaufe. Ich sinne oft darüber nach, warum ich Dinge tue. Und die Antwort ist, ich tue Dinge, weil ich sie tun will.
Yadegar Asisi wurde 1955 als Sohn persischer Eltern in Wien geboren, lebte lange Zeit in Leipzig und studierte zunächst Architektur an der TU Dresden, später auch Malerei an der Hochschüle der Künste in Berlin. Mit seinen Panoramas knüpft er an eine Tradition aus dem 19. Jahrhundert an. Im alten Gasometer in Leipzig war von 2003 bis 2005 sein erstes 360-Grad-Panorama «8848Everest360°» vom Mount Everest zu sehen. Es folgte «Rom CCCXII», dass am 28. März vom «Amazonien» abgelöst wird. Im Gasometer in Dresden ist ein Abbild der Landeshauptstadt aus dem Jahr 1756 zu sehen.
Das Panorama «Rom CCCXII» ist noch bis einschließlich Sonntag, dem 1. Februar im Panometer Leipzig, Richard-Lehmann-Str. 114, zu sehen. Öffnungszeiten: Freitag von 9 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 20 Uhr, Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Kinder von vier bis 14 Jahre zahlen 6 Euro, für Kinder unter vier Jahre ist der Eintritt frei. Ab dem 28. März ist das neue Panorama «Amazonien» zu sehen.