Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Wer in Deutschland zum Wintersemester 2009/2010 ein Studium beginnen will, der wird die Zähne zusammenbeißen müssen. Bei der Zulassung für freie Studienplätze wird ein Chaos erwartet.
Die Ursache für das Durcheinander liegt im ineffizienten Vergabeverfahren. Weil viele Hochschulen in den vergangenen Jahren ihr eigenes Süppchen kochen wollten, regiert nun ein Bewerbungsdurcheinander. Richtig hochgekocht ist das Problem nach der Reform der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätze (ZVS) in Dortmund.
Seit dem Wintersemester 2005/2006 vergibt die ZVS nur noch 20 Prozent der freien Studienplätze nach der Abiturnote und weitere 20 Prozent nach der längsten Wartezeit. Die übrigen 60 Prozent an Kandidaten zu verteilen, obliegt den Hochschulen selbst, die für ihre Angebote hauseigene Zulassungsbeschränkungen (örtlicher Numerus Clausus) erteilt haben. Das ist inzwischen bei jedem zweiten der rund 11.000 Studiengänge in Deutschland der Fall.
Und das führt dazu, dass jedes Semester mehrere tausend Studienplätze überhaupt nicht besetzt werden. Denn: Wer studieren will, bewirbt sich oft deutschlandweit – und um die eigenen Chancen zu steigern nicht nur an einer Hochschule. Das bedeutet: Mehrere akademische Bildungseinrichtungen bekommen von ein und demselben Kandidaten Bewerbungen.
Werden die Zulassungbescheide verschickt, erhält ein Bewerber im günstigsten Fall gleich mehrere Zusagen. Doch letztlich kann er nur an einer Hochschule studieren. In der Regel müssen die leer ausgegangenen Studienplatzanbieter im Nachrückverfahren einen anderen Kandidaten finden. Doch das funktioniert nur, wenn die Hochschulen wissen, dass der von ihnen gewählte Bewerber abgesprungen ist – doch die teilen das nicht immer mit.
Ein Datenaustausch zwischen den akademischen Einrichtungen könnte daher nicht nicht nur den Verwaltungsaufwand mindern, sondern auch dazu beitragen, dass weniger Studienplätze unbesetzt bleiben. Doch ein entsprechendes Verfahren fehlt – zumindest seit der Reform der ZVS. Wer zuvor in einem zulassungsbeschränkten Studiengang studieren wollte, der bewarb sich bei den Dortmunder Koordinatoren und gab dort seine Hochschulpräferenzen an. Heute geschieht das nur noch für die Fächer Medizin, Biologie, Pharmazie, Tiermedizin und Zahnmedizin.
Ein Datenabgleich für andere Studiengänge ist nicht möglich, weil die Hochschulen ihre Daten untereinander nicht austauschen können. Gerade in Fachbereichen, die ohnehin nur schwer mit Studenten zu füllen sind, sei das ein enormes Manko, mokiert Ulla Burchardt, Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag. Eine einheitliche Zulassung durch den Bund müsse her, fordert die Politikerin. Im Bundesbildungsministerium werde das Problem inzwischen angegangen. Eine Neuordnung werde es «in absehbarer Zeit» geben, hieß es aus dem Schavan-Ministerium.
Offenbar ist das auch notwendig. Denn ein Kompromissmodell, auf das sich Rektoren und ZVS gemeinsam mit den Kultusministern im vergangenen Sommer geeinigt haben, kann nicht wie geplant zum Wintersemester 2009/2010 in Kraft treten. Stattdessen werfen sich die Streithähne gegenseitig vor, vereinbarte Punkte des internetbasierten «dialogorientierten Verfahrens» für Nachrücker nicht eingehalten zu haben.
Fraglich bleibt, ob das Chaos verhindert wird, wenn das System greift. Denn ob die Universitäten und Fachhochschulen sich an dem neuen Vergabeverfahren beteiligen, dürfen sie selbst entscheiden, so die Bestimmung der Länder. Halten sich einige aus dem gemeinschaftlichen Datenabgleich heraus, werden zwangsläufig Studienbewerber leer ausgehen, obwohl freie Plätze verfügbar sind.