Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
In Zeiten der Finanzkrise regiert in vielen Unternehmen der Rotstift. Er wird aber nicht nur bei den vorhandenen Arbeitsplätzen angesetzt, sondern auch bei der Weiterbildung.
Rund 70 Prozent der deutschen Unternehmen haben bisher eigene Angebote zur Weiterbildung gemacht (Stand: 2007). Doch die Zahlen könnten in den nächsten Monaten deutlich unter dieses Niveau fallen. Eine zum Ende des Jahres 2008 durchgeführte Online-Umfrage des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) zeigt, dass die derzeit herrschende konjunkturelle Entwicklung sich durchaus negativ auf künftige Qualifizierungen auswirken kann.
Rund fünf Prozent der Fach- und Führungskräfte aus dem Automobil-, dem Maschinen- und Anlagenbau, der Werkstofftechnik sowie weiteren Sparten des Ingenieurwesens erklärten bei der Befragung, dass es keine Weiterbildungen mehr geben werde. In knapp 35 Prozent aller Betriebe soll die berufliche Fortbildung und damit auch die Investition in die Personalentwicklung zumindest verringert werden.
Im Sinne der Mitarbeiter ist das nicht. Die Finanzkrise hat bei Angestellten die Angst vor dem Jobverlust geschürt. Viele wollen sich weiterbilden, um auch künftig als Arbeitskraft attraktiv zu sein oder sogar bessere Chancen im aktuellen Beruf zu erzielen, berichtet marktundmittelstand.de.
Einige Betriebe haben das berücksichtigt: «Etwa fünf Prozent planen, zusätzliche Maßnahmen anzubieten», sagt Cäsar Sasse, Sprecher des VDI Wissensforums. In den Unternehmen der übrigen Befragten, wird sich am üblichen Angebot nichts ändern.
Durchschnittlich rüsten sich deutsche Ingenieuren an fünf Tagen im Jahr für die Erfordernisse der Wirtschaft. «Insofern machen fast alle Fach- und Führungskräfte über einen längeren Zeitraum eine Weiterbildung», so Sasse. Doch das reiche längst nicht. Rund zehn bis zwölf Tage seien nötig, um mit rasanten technischen Entwicklungen Schritt halten zu können. «Zudem muss berücksichtigt werden, dass die Ingenieure nicht nur in dem Bereich tätig sind, für den sie ausgebildet wurden», betont der Sprecher.
Wer als Führungskraft angestellt sei, müsse auch für diese Rolle entsprechende Qualifikationen haben. Gleiches gelte für Arbeitnehmer, die im internationalen Geschäft tätig seien. «Da kommen diverse Ansprüche zusammen, die mit einem Seminar jährlich nicht abzudecken sind», merkt Sasse an.
Auch beim Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) werden die Sparpläne kritisch gesehen: «Es wäre fatal und kurzsichtig, so zu entscheiden», gibt Sprecher Eberhard Vogt zu verstehen. Gerade bei den Mittelständlern, die bis zu 40 Millionen Euro in Fortbildung investieren (Stand: 2006), seien qualifizierte Kräfte wichtiges Firmenkapital.
Sollten Unternehmen in den nächsten Monaten verstärkt Schulungen reduzieren, bliebe das langfristig nicht folgenlos. Wer sich nicht weiterbilde, der verliere den Anschluss. Das gelte nicht nur für Arbeitnehmer, sondern auch für Betriebe. Sasse: «Der von der Industrie ständig beklagte Fachkräftemangel könnte sich unter den Vorzeichen von weniger Weiterbildung verschärfen. Es wäre fahrlässig, die vorhandenen Spezialisten nicht oder nur unzureichend zu schulen. Irgendwann ist die Krise vorbei. Wer bis dahin an der falschen Stelle gespart hat, der kann auf dem Markt dann nicht mehr mithalten.»
Beim BVMW wird noch ein Stück weiter gedacht. «Beschäftigten Qualifizierungen anzubieten, ist für kleine und mittelständische Unternehmen enorm wichtig. Nicht nur um wirtschaftlich bestehen zu können, sondern um sich auch gegenüber Großkonzernen, die oft mit höheren Gehältern locken, personell zu behaupten», gibt Vogt zu bedenken.
Klar sei: Ein Studium allein reiche heute nicht mehr aus, um wirtschaftlichen und industriellen Ansprüchen zu genügen. «Ein Titel schützt nicht vor dem Jobverlust, wenn man den Anschluss an den Fortschritt verpasst hat», konstatiert Cäsar Sasse. Bei vielen Arbeitnehmern ist diese Botschaft vor der Finanzkrise angekommen. So nahmen laut Statistischem Bundesamt 2007 mehr als sieben Millionen Menschen entsprechende Angebote wahr.