Von Karoline von Graevenitz
Mehr als 300.000 Schüler schwänzen die Schule, einige von ihnen dauerhaft. Dass sie keinen Bock haben, hat oft tiefer gehende Ursachen. Viele haben ihr Selbstvertrauen verloren.
Bei Tom war es ein schleichender Einstieg ins Schulschwänzen. Erst strich er die letzte Schulstunde, irgendwann ging er gar nicht mehr hin. Eine Erklärung fällt dem 15-Jährigen schwer: «Es waren ein paar blöde Lehrer dabei. Und in meiner Clique haben es die anderen auch gemacht.» Von seinen Aggressionsausbrüchen, mit denen er Lehrern und Schülern das Leben schwermachte, spricht er nicht. Laura dagegen war immer krank. Jeden morgen hatte sie Bauchschmerzen aus Angst vor der Schule. «Weil so viel Stress war. Ich kam nicht mehr mit», sagt die 14-Jährige leise. Wenn die Schulblockade zum Teufelskreis wird, versucht die Schweriner Schulwerkstatt «Fit for Life» Schülern wie Tom und Laura (Namen geändert) wieder Halt zu geben.
«Sie kommen zu uns, wenn Lehrer und Eltern die Kinder offenbar gar nicht mehr erreichen», sagt Sozialpädagogin Anja Geschwendtas. Seit sechs Jahren bemüht sich die Einrichtung der Caritas, eine Kooperation mit der Werner-von-Siemens-Schule und dem Jugend- und Schulamt, um die Wiedereingliederung von Problemschülern in den normalen Schulalltag. Bis zu 80 Prozent ihrer Schützlinge finden pro Jahr mittels des bundesweit beachteten Konzepts wieder zurück in den normalen Unterricht.
Es gebe viele Ursachen für notorisches Schulschwänzen, betont Anja Geschwendtas. Aber eins müsse klar sein: «Wir reden da grundsätzlich nicht von Schuld.» Auslöser könnten familiäre, seelische und schulische Probleme sein, besonders häufig auch das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS). «Aber auch wenn ein Kind sich überfordert fühlt, kann sich das so verschärfen, dass es aussteigt», erklärt die Sozialpädagogin. «Mädchen wenden sich dann eher psychisch vom Unterricht ab. Jungen äußern sich lauter und zeigen eher die Tendenz, Gewalt auszuüben.«
Lehrer könnten in den großen Klassen auf solche Problemschüler nicht entsprechend individuell eingehen, erklärt sie. In der Schulwerkstatt betreuen dagegen eine Lehrkraft sowie ein Sozialpädagoge gemeinsam fünf bis sechs Schüler pro Gruppe. «Wenn es nötig ist, wird auch ein Kind ganz allein unterrichtet», erklärt die Betreuerin des «Fit for Life»-Teams, das aus vier Lehrkräften der Werner-von-Siemens-Schule, drei Sozialpädagogen und zwei Fachkräften der dazugehörigen Werkstatt besteht.
In der Schulwerkstatt beginnt der Alltag mit dem sogenannten Morgenkreis. Die vier Gruppen machen es sich bei Kerzenschein gemütlich, die Kinder sprechen reihum über ihre Stimmungslagen und Vorsätze für den neuen Tag. «Dann fällt am Morgen gleich alle Last ab und man kann mit einem guten Gefühl in den Tag starten», erklärt der 15-jährige Dave, der sich, wie er sagt, in der Schule früher viel geprügelt hat.
Inzwischen macht ihm auch der Unterricht wieder Spaß. «Hier war es plötzlich so ruhig und jeder ist konzentriert», sagt er. Jede Unterrichtsstunde werde danach besprochen und bei entsprechender Motivation erhalte jeder Schüler pro Stunde einen Punkt, erklärt seine Lehrerin Kerstin Bruhn. Damit sollten sie lernen, sich selbst einzuschätzen. Wichtig sei auch die tägliche Rückkopplung zu den Eltern.
Vor allem Selbstvertrauen sollen die Kinder in der Schulwerkstatt wiederfinden. «Dabei hilft auch die Arbeit in der Werkstatt, wo sie Erfolgserlebnisse haben, die man anfassen kann», erklärt Anja Geschwendtas. Laura hat inzwischen keine Angst mehr, dass jemand lacht, wenn sie etwas nicht versteht. Sie weiß, sie kann so lange nachfragen, bis sie ihrer Sache sicher ist. Bauchschmerzen hat sie keine mehr. Wann sie zurück in die «richtige Schule» geht, steht noch nicht fest. «Manche haben es nach einem halben Jahr geschafft, andere sind zwei bis drei Jahre hier», sagt Geschwendtas.
ham