Ein aufgebauschtes Phänomen
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Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Inzwischen prügeln Schüler nicht nur aufeinander ein. Auch Lehrer werden zur Zielscheibe von ausflippenden Pennälern. Dabei ist die Gewalt an deutschen Schulen nicht so groß, wie gemeinhin angenommen wird.
«Die Agressivität ist Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse an den Schulen», sagt Ulf Rödde von der Gewerkschaft Erziehung und Wissen. Das habe einen Grund: Schule produziere Gewinner und Verlierer. «Wir haben in Deutschland ein selektives Schulsystem, das Kinder nicht integriert, sondern ausgrenzt und herabstuft, wenn erwartete Leistungen nicht erfüllt werden», erklärt der Gewerkschafter.
Die Probleme aber liegen nicht allein in den Schulen. Häufig brächten Kinder und Jugendliche bereits Aggressionen mit in den Unterricht. Eine Zurechtweisung des Lehrers könne dann der zündende Funke für eine gewalttätige Entladung sein.
Doch tatsächlich seien solche Reaktionen selten. «Gewalt unter Schülern oder gegen Lehrer kommt eigentlich höchst selten vor», betont Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Die Rate tätlicher Angriffe liege unter zwei Prozent, also bei ein bis zwei Personen unter 100 Leuten, verweist der Forscher auf eine Studie, die vor zwei Jahren mit 20.000 Schülern in sechs Bundesländern durchgeführt wurde. Zwar gebe es bereits aktuellere Zahlen. Die darf Pfeiffer jedoch nicht nennen, weil die Untersuchung unter 45.000 Schülern und dazugehörigen Lehrern noch beim Auftrag- und Geldgeber, dem Bundesministerium des Inneren, unter Verschluss liege.
Deutlich höher als an Realschulen und Gymnasien ist die Gewalt an Hauptschulen. Der Grund: «Dort lernende Schüler wissen, dass sie auf dem Ausbildungsmarkt kaum eine Chance haben», meint Ulf Rödde. Das bestätigt auch der Hannoveraner Kriminologe: «Die Chancen dieser Schüler sind sehr schlecht. Und die Wirtschaft zieht sich immer stärker von solchen Schultypen zurück.» Doch auch hier liege die Quote laut Pfeiffer unter drei Prozent. Insgesamt seien Beleidigungen deutlich häufiger als sich Bahn brechende Gewalt.
Mit modernisierten Lehrplänen und Lehrern, die mit mehr Engagement statt mit Unlust unterrichten, ist den benachteiligten Hauptschülern nicht zu helfen. Zu stark sind die Klassen durch soziale Randgruppen geprägt. Stattdessen wären bessere Perspektiven nötig. Pfeiffer verweist hier auf höhere Bildungsgänge. «Realschüler und Gymnasiasten wissen in der Regel, dass sie mit einem ordentlichen Abschluss einen Studien- oder Ausbildungsplatz finden können», macht Pfeiffer deutlich. Einen solchen Anreiz zu lernen haben Hauptschüler kaum noch.
Und auch Lehrer können diese Motivation nicht erzeugen. «Probleme wie Arbeitslosigkeit oder eine Finanzkrise zu lösen, liegt nicht in der Hand der Pädagogen», gibt Rödde zu verstehen. Schaffen können sie dagegen eine Atmosphäre, in der sich die Schüler aufgenommen und verstanden fühlen. Solch eine präventive Arbeit lasse sich dann realisieren, wenn ein Klima der Verantwortlichkeit untereinander, des Respekts und des menschlichen Umgangs miteinander vermittelt werde. Für den Gewerkschafter sind in dieser Hinsicht gezielt ausgebildete Schulpsychologen und Sozialarbeiter nötig: «Schaut man sich aber die Problembezirke an, werden solche Stellen gestrichen. Den Lehrern selbst fehlt aber eine fundierte Ausbildung in den Bereichen Mediation und Konfliktbewältigung.»
Tatsache bleibt, dass die Gewalt an deutschen Schulen insgesamt rückläufig ist. Gab es 1997 unter 1000 Schülern noch 15,6 Vorfälle, so waren es 2007 nur noch 10,8, bei denen ärztliches Eingreifen nötig war. Weitaus seltener waren physische Ausbrüche, auf die ein Krankenhausaufenthalt folgte: Auf 1000 Schüler gab es 1997 nur 1,6 Betroffene, im vergangenen Jahr waren es 0,9.
Warum prügelnde Pennäler trotzdem immer öfter durch die Medien geistern, liege an einem Mentalitätsumschwung, sagt Pfeiffer. «Früher sind solche Vorfälle an den Schulen nicht nach außen gelassen worden. Heute haben wir eine Kultur des Hinschauens und Opfer von Gewaltakten melden derlei immer öfter der Polizei, die die Fälle dann der Öffentlichkeit bekannt gibt.» Die Täter müssten also stärker als früher mit Konsequenzen rechnen. Darüber hinaus habe die innerfamiliäre Gewalt abgenommen, so dass auch die Zahl der Opfer, die zum Täter werden, zurückgeht.
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