Finanzielle Probleme hatte die Privatuniversität Witten-Herdecke schon öfter zu bewältigen. Diesmal aber hat das Land den Geldhahn zugedreht und fordert außerdem drei Millionen Euro zurück.
Rund 30 Millionen Euro umfasst der Hochschul-Etat, rund ein Sechstel davon bestreitet das Land. Doch jetzt stellt sich das Land Nordrhein-Westfalen quer, verweigert die bereits eingeplanten Gelder und verlangt zudem kurzfristig Fördermittel in Höhe von drei Millionen Euro zurück, die die Hochschule angeblich zu viel beantragt hat.
Wie das Land gestern mitteilte, sei die Universität zudem nicht in der Lage gewesen, eine ordnungsgemäße Geschäftsführung nachzuweisen. Einen Wirtschaftsplan für die nächsten Jahre gebe es ebenfalls nicht.
Unterdessen ist der Präsident der Privathochschule, Birger Priddat, zurückgetreten. Das Amt hatte der Wirtschaftswissenschaftler erst im August des vergangenen Jahres übernommen. Auch nach einer Bewertung durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft habe er die Vorwürfe des Landes nicht nachvollziehen können.
Die Entscheidung des Landes werde «substanzielle Folgen haben», sagte Hochschulsprecher Ralf Hermersdorfer. Die 4,5 Millionen seien fest eingeplant gewesen. Nun suche die Universität fieberhaft nach neuen Sponsoren. Für eine 3-Millionen-Euro-Bürgschaft liege bereits eine Zusage vor. «Für den Rest haben wir Zeit bis zum Jahresende.
Ärger mit dem Geld begleitet die in den 1980er Jahren mit viel bildungspolitischem Elan gegründete Reformuni fast von Anfang an. Schon seit 1995 beteiligt sich das Land wegen der chronischen Geldnot mit Millionenbeträgen am Hochschuletat, obwohl Privatuniversitäten eigentlich ohne öffentliche Gelder auskommen sollen. 2006 musste die Förderung auf 4,5 Millionen Euro aufgestockt werden, nachdem der Wissenschaftsrat die medizinische Forschung scharf kritisiert hatte. Die Hochschule hatte damals ihre Akkreditierung, ihr universitäres Gütesiegel, erst gegen die Zusicherung erheblicher Personalaufstockungen in der Medizin zurückbekommen.
Mit zwei Sponsoren wurde in den vergangenen Jahren intensiv verhandelt - dem Heidelberger Klinikbetreiber Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) und der Unternehmensberatung Droege International. Beide hatten aber erhebliche Einsparungen und Umgestaltungen gefordert. Die Studentenzahl sollte auf etwa 2000 wachsen - bisher liegt der Betreuungsschlüssel in manchen Medizinseminaren bei einem Dozent für zwei Studenten - und die Studiengebühren von derzeit bis zu 750 Euro im Monat müssten deutlich steigen, forderte etwa Droege. Doch solche Veränderungen hätten auch den Charakter der Hochschule grundlegend verändert. Nachdem sich Universität und Sponsor im Frühjahr immer mehr entfremdet hatten, gab es Ende August eine Trennung mit gegenseitigen Vorwürfen.
Ohne einen potenten Geldgeber hat die Hochschule aber schlechte Zukunftschancen. Drei bis vier Millionen Euro fehlen ihr strukturell Jahr für Jahr im Etat und müssen durch zusätzliche Geldgeber, Stifter oder Zuschüsse ausgeglichen werden.
Sollte die Universität tatsächlich zur Schließung gezwungen sein, wäre das ein erheblicher Verlust für die Hochschullandschaft, vor allem im Fach Medizin. Der enge Praxisbezug mit Mentorenfirmen, kooperierenden Kliniken und Hausärzten und die Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung des Studiums brachte der Universität dort immer wieder vordere Plätze in Hochschulrankings. Außerdem vermittelt Witten-Herdecke sonst eher seltene Fächer wie traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur und Musiktherapie.
Um all das und die - einschließlich Teilzeitstellen - rund 600 Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region zu retten, hatte die Gewerkschaft GEW am Mittwoch einen ganz anderen Vorschlag: Sie forderte die Verstaatlichung der Hochschule.
ham