Kleine Genies

«Die Bildung muss das Kind abholen»

Studien haben gezeigt: In Sachen Bildung ist Deutschland nur Mittelfeld. Eltern wollen mit frühkindlicher Bildung abhelfen. News.de sprach mit Bildungs- und Erziehungsforscher Wassilios Fthenakis über Sinn und Unsinn dieses Strebens.

news.de: Gibt es kindgerechtes Lernen überhaupt und was steckt dahinter?

Fthenakis: Kindgerecht ist alles, was die Entwicklung eines Kindes berücksichtigt und auf dessen Lernneugier reagiert. Für Kindergärten bedeutet das, dass Bildungspläne mit jedem Kind individuell umgesetzt werden. Dafür brauchen die Fachkräfte freilich mehr Kompetenz. Doch die muss bei vielen erst professionalisiert werden. Was heute in Studium oder Ausbildung vermittelt wird, war bei den älteren Erzieherjahrgängen nie Thema.

news.de: Kann man mit solchen Angeboten frühzeitig Lernschwächen vermeiden?

Fthenakis: Individualisierung ist der einzige Weg, wie man die Lernbiografie eines Kindes stärken und optimieren kann. Wenn wir jedem Kind helfen wollen, das Maximum seines Lernens zu erreichen, geht das nur so. Und für Kinder aus Migrantenfamilien und bildungsfernen Schichten ist das die einzige Chance.

news.de: Früh lesen lernen ist eine Sache. Viele Eltern wollen ihren Nachwuchs von Kindesbeinen an zweisprachig erziehen. Wie stehen Sie dazu?

Fthenakis: Frühe Zweisprachigkeit ist zu empfehlen, vorausgesetzt die Bedingungen stimmen: Kleine Gruppen, ein Muttersprachler, der mit den Kinder arbeitet, eine enge Zusammenarbeit zwischen Familie und Kindergarten und eine Gesellschaft, die Mehrsprachigkeit als bereichernd empfindet, sind wichtig. Tatsache ist, dass jedes normale Kind zwei und mehr Sprachen erlernen kann, wenn das kindgerecht und spielerisch organisiert ist und nicht in ein Trainingsprogramm ausartet.

news.de: Welche Rolle spielt die Persönlichkeit eines Kindes bei der frühkindlichen Bildung?

Fthenakis: Eine ganz entscheidende. Heute wird der Bildungsprozess nicht mehr institutionalisiert, sondern auf das Kind fokussiert. Deshalb sind die Kinder auch das Zentrum von Bildungsplänen. Das müssen auch die Fachkräfte begreifen. Die Kleinen brauchen Selbstkompetenz von Anfang an, aber in gemeinsamer Interaktion zwischen Kind und Erzieher.

news.de: Worauf sollten Eltern achten, wenn Sie ihrem Kind eine solche Frühbildung bieten wollen?

Fthenakis: Ob eine Einrichtung einen guten Bildungsplan hat, bereit ist, mit den Eltern zusammenzuarbeiten. Aber vor allem ob das Kind gerne in den Kindergarten geht und es selbst dann dort sein möchte, wenn es krank ist. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass die Bildungsbedürfnisse befriedigt werden.

news.de: Lesen mit vier Jahren, Besuch der Vorschule – viele Eltern stecken ihre Steppkes schon früh in den Lernprozess. Wo ist die Grenze zwischen Kindergarten und Schule?

Fthenakis: Diese Grenze ist aufgehoben und Geschichte, weil Kinder sich unterschiedlich entwickeln. Künftig wird man deshalb nicht mehr davon ausgehen, was Kinder wissen sollen, wenn sie in die Schule gehen. Vielmehr muss die Schule das Kind dort abholen, wo es ist und ab diesem Stand dazu beitragen, Kompetenzen zu stärken.

news.de: Was braucht ein Kind tatsächlich, um sich optimal zu entwickelt und gut und gesund zu lernen?

Fthenakis: Das ist eigentlich recht einfach: verlässliche Liebe, stabile Beziehungen zu ihren Eltern und Erziehern, gute Beziehungen zu anderen Kindern und eine sichere und vertrauensvolle Umgebung. Nicht zuletzt ist natürlich ein gutes Bildungsangebot wichtig, aber ein qualitativ hochwertiges und kein massiges. Letztlich liegt es aber in der Verantwortung der Eltern und Fachkräfte zu entscheiden, was für ein Kind gut ist und vermeiden, eigenen Leistungsdruck aus dem Beruf auf den Nachwuchs zu übertragen.

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