Frühkindliche Bildung

Zwangslernen kann Kinder dumm machen

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Musikalische Früherziehung, zweisprachige Kindergärten, Wissenschaftsclubs für Grundschüler – Kinder können einiges lernen. Frühkindliche Bildung liegt derzeit im Trend. Doch den Kindern kann das auch schaden.

«Kinder unter vier Jahren sollten überhaupt nicht lernen. Denn eigentlich lernen sie in dieser Zeit ununterbrochen», macht Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann deutlich. «Jede Berührung mit einem Ball, das Nachahmen eines vorbei fliegenden Vogels, schon das bedeutet für Kinder in diesem Alter, etwas zu lernen.»

Ganz elementare Dinge zu erkennen, sich an etwas zu erinnern, sich als Körper in einem Raum zu bewegen, Bauklötze zu stapeln oder Perspektiven zu bilden, seien hoch komplexe Vorgänge, die bereits eine enorme geistige Leistung für den Nachwuchs darstellen. «Trotzdem lernen sie das so selbstverständlich, wie sie sprechen lernen», betont der Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover.

Wird dieses unwillkürliche Lernen in frühen Jahren jedoch durch intensive, gesteuert Wissensangebote ersetzt, kann das der Entwicklung durchaus schaden. «Studien haben ergeben, dass Kinder durch diese Angebote ihrer Eltern sogar dümmer werden können», verweist Bergmann, der selbst Vater von drei Kindern ist, auf Forschungsergebnisse.

Mitunter könnten sogar psychologische Störungen ausgelöst werden. Betroffen davon seien vor allem Jungen und Mädchen, die sich der Bindung an ihre Mütter nicht sicher sind, sagt Wolfgang Bergmann. «Wenn die Kinder ständig gesagt bekommen, wie sie etwas machen sollen, verengt das letztlich die Wahrnehmung der Kleinen und reduziert die Komplexität des Lernens, nämlich mit allen Sinnen Situationen wahrzunehmen und durch ausprobieren Erfahrungen zu sammeln.»

Kindliche Neugier sei die beste Methode, den Kleinen etwas beizubringen, gibt Wassilios Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Bozen, zu bedenken. «Kinder an einen runden Tisch setzen und alle das gleiche machen lassen, bringt wenig. Jedes Kind muss individuell berücksichtigt werden. Nicht der Bildungsplan im Kindergarten ist das Maß der Dinge, sondern das Kind.»

Das sieht Bergmann ebenso, der es mit dem Pädagogen Friedrich Fröbel hält: «Kinder brauchen ein anregendes Freispiel. Und mit ein paar Anregungen lernen sie von ganz allein.» Mitunter müsse ihnen aber auch gesagt werden, dass sie eine halbe Stunde still sitzen sollen. «Natürlich brauchen sie erwachsene Ordnung. Was sie aber nicht bekommen dürfen, ist vorweggenommene schulische Bildung im Kindergarten. Das schränkt die Entwicklung ein.» Seelische und Persönlichkeitsstörungen können die Folge sein, ebenso wie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.



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