Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Die Finanzkrise lässt viele Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen. Hugo Martin Kehr, Psychologe für Arbeitsmotivation, sprach mit news.de über Wege, der Angst zu begegnen und das Jobglück in die eigene Hand zu nehmen.
news.de: Angesichts der Finanzkrise streichen viele Unternehmen Stellen. Was können Arbeitnehmer gegen die Angst vor dem Jobverlust tun?
Kehr: Grunsätzlich gilt: Panik ist nicht angebracht. Niemand sollte sich von den Meldungen, dass Unternehmen Arbeitsplätze abbauen, wild machen lassen. Stattdessen sollte man sich halbwegs realistisch ausmalen, wie stark das eigene Unternehmen von der Finanzkrise betroffen sein könnte. In Deutschland sind die meisten Arbeitsplätze relativ sicher. Denn Unternehmen können Stellen nur kürzen, wenn das auch objektiv begründbar ist.
news.de: Wie sehen Sie die Chance, angesichts der aktuellen Lage einen neuen Job zu finden?
Kehr: Gute Chancen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, haben diejenigen, deren Tätigkeitsfelder ohnehin nicht krisengeschüttelt sind. Zudem sagt man ja, «Die Besten gehen als Erste». Die können sich genauso gut auch vornehmen, im aktuellen Unternehmen zu bleiben. Wer das wirklich will, sollte an entsprechender Stelle Gespräche führen und damit sein Engagement zeigen. Andersherum orientieren sich die, die ohnehin keine Chance haben, meist nicht.
news.de: Laut einer nicht repräsentativen Umfrage des Jobportals monster.de suchen bereits 47 Prozent der Arbeitnehmer einen neuen Job. Ist das eine Überreaktion?
Kehr: Dass sich die Menschen orientieren, ist gut und schadet niemandem. Man sollte sein Umfeld kennen und sich immer für neue Möglichkeiten offen zeigen. Auch wer hochzufrieden mit seiner aktuellen Situation ist, der interessiert sich dafür, was sich im Berufsfeld tut. Und vielleicht kann man einen Kollegen mal auf eine neue Chance hinweisen.
news.de: Wie sehen Sie die von vielen Unternehmen angekündigten Stellenkürzungen?
Kehr: Einige Branchen sind in der Vergangenheit sehr ungestüm gewachsen. Dort, wo die zukünftige Entwicklung nicht ganz gewiss ist, kommt eine Finanzkrise wie gerufen. Die dient als Vorschub dafür, sich verkleinern zu wollen und sich von denen zu trennen, die nicht so beliebt sind. Den Spieß kann man als Arbeitnehmer natürlich umdrehen.
news.de: Wie meinen Sie das?
Kehr: Nun, auch Mitarbeiter können eine solche Krise ausnutzen und schauen, ob sich nicht etwas Besseres bietet. In Hochzeiten fragen nur wenige nach dem, was ihnen Spaß macht, sondern eher danach, was am meisten einbringt. Jetzt könnte jemand, der seine Ziele bisher nicht erreicht hat oder mehr Herausforderung den eigenen Fähigkeiten entsprechend sucht, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
news.de: Was ist mit Angestellten, die sich wohl fühlen und in ihrem Unternehmen bleiben wollen?
Kehr: Der Weg zum Betriebsrat oder den Arbeitnehmervertretern wäre richtig, um sich über die eigenen Rechte zu informieren. Zudem weiß der Betriebsrat bei größeren Unternehmen oft Bescheid darüber, wie es wirklich um ein Unternehmen steht. Dort kann man als Arbeitnehmer halbwegs objektive Informationen bekommen. Der Weg zur Personalabteilung kann ebenso hilfreich sein, um das Risiko, den Job zu verlieren, abzuschätzen. Wichtig ist, dass Betroffene herausfinden, was sich in der Firma tut, wenn die eigene Abteilung von Kürzungen betroffen ist.
news.de: Was könnte denn dabei herauskommen?
Kehr: Dann weiß ein Arbeitnehmer, ob er vielleicht eine Abfindung bekommt. Er kann so aber auch herausfinden, ob er sich über Jobbörsen im Unternehmen in einen anderen Bereich versetzen lassen könnte. Wer solches Interesse zeigt, gilt als «Proaktiver», jemand der Engagement zeigt, offene Worte sucht und damit das eigene Interesse bekundet, auch künftig im Betrieb arbeiten zu wollen, selbst wenn er dafür versetzt würde.
news.de: Wie sollten sich Angestellte in Zeiten des Stellenabbaus gegenüber Kollegen oder Vorgesetzten verhalten?
Kehr: Wer wirklich den subjektiven Eindruck hat, weniger erfolgreich zu sein oder weniger zu leisten als andere, der kann das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen und Probleme klären. Ist die Selbsteinschätzung aber objektiv, dann kann man den Kopf nur selten aus der Schlinge ziehen.
news.de: Gibt es in solchem Fall keinen Ausweg?
Kehr: Zunächst mal sollten sich Betroffene vom Vorgesetzten anhören, wie hoch der das Risiko der Kündigung einschätzt. Vielleicht gibt er auch Empfehlungen, damit sich ein Mitarbeiter umorientieren kann. Letztlich sind nämlich auch Vorgesetzte, die oft selbst nur Handlanger von Entscheidungen ist, froh, wenn sie ihre Leute abgesichert wissen.
news.de: Sollte es in Betrieben trotzdem zu Kündigungen kommen, wer wird stärker betroffen sein - Männer oder Frauen?
Kehr: Das kann man nicht anhand des Geschlechts festmachen. Ich denke, die Finanzbranche wird am stärksten betroffen sein. Und ich vermute, dass dort deutlich mehr Männer als Frauen arbeiten, deshalb also die Männer eher ihren Job verlieren könnten. Doch kein Unternehmen wird systematisch daran gehen, Frauen oder eine andere Arbeitnehmergruppe loszuwerden. Da gibt es wichtiger Gesichtspunkte als Geschlecht, Alter oder Religion. Zumal auch ein Betriebsrat solche Kündigungen nicht durchgehen lassen würde.