Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Beim Lesen hat Thüringen die Nase vorn, Bremen ist das Schlusslicht. Doch welchen Wert hat die aktuelle Iglu-Studie wirklich. News.de sprach mit Renate Valtin, Professorin für Grundschulpädagogik über Schwächen der Studie und des deutschen Bildungssystems.
news.de: Frau Professor Valtin, Deutschlands Viertklässler sind im Schnitt gute Leser, doch in den Stadtstaaten haben bis zu 20 Prozent der Schüler kein Leseverständnis. Woran liegt das?
Valtin: Über die Gründe kann Iglu leider nur sehr wenig aussagen, weil es sich um eine Querschnittsuntersuchung handelt. In der Regel ist es aber so, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten mehr Schwächen beim Lesen zeigen. Das gilt aber auch dort, wo der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund sehr hoch ist.
news.de: Warum haben diese Kinder solche Probleme beim Lesen?
Valtin: Dazu gibt es deutschlandweit noch keine konkrete Untersuchung. Diese wird erst in den nächsten Monaten starten, um festzustellen, welche sozialen Lagen schwachen Kinder, ich nenne sie in der Regel Sorgenkinder, weil der Begriff «Risikokinder» falsch ist, so zu schaffen macht. Die soziale Lage gehört zu den wichtigen Indikatoren für die Lesesozialisation.
news.de: In Deutschland ist eine solche Studie noch nicht durchgeführt worden?
Valtin: Nein, denn bislang war gar nicht bekannt, wie stark der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Bildung von Kindern in Deutschland wirkt. Im internationalen Vergleich sind die Stärken und Schwächen erst deutlich geworden. Die Iglu-Studie erfasst zwar auch schulische und häusliche Rahmenbedingungen, doch erst mit den heute vorgestellten Ergebnissen gibt es einen Vergleich mit allen Bundesländern. 2001 sind nur sieben Bundesländern explizit untersucht worden.
news.de: Mal Hand auf's Herz, warum bleibt Deutschland beim Lesen nur Mittelfeld?
Valtin: Deutschland ist mit 14 Prozent Nichtlesern unter den Schülern sogar besser als der OECD-Durchschnitt, der bei 18 Prozent liegt. Allerdings ist der Anteil in einigen Bundesländern mit 20 Prozent wiederum sehr hoch. Schuld daran ist die vorherrschende Leseunlust, obwohl wir wissen, je mehr man liest, desto größer sind die Chancen diese Begeisterung zu steigern.
news.de: Wo hapert es also?
Valtin: Schon im Elternhaus. Denn leider lesen deutsche Eltern ihren Kindern deutlich weniger vor als in anderen Ländern. Es müsste mehr mit Kindern über Bücher gesprochen werden, mehr Besuch mit Kindern in einer Bibliothek geben.
news.de: Und welche Rolle spielt die Schule in der Lesesozialisation?
Valtin: Dort werden Kinder motiviert oder auch demotiviert. Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen es in der Grundschule Noten gibt. Wer dann beim Lesen ein schlechte Bewertung bekommt, hat natürlich auch weniger Lust auf Bücher. In Dänemark, Schweden und Finnland wird das anders gehandhabt. Da gibt es teilweise bis zur achten Klasse nur Lernentwicklungsberichte, aber keine Zensuren. Und die Finnen haben bei Pisa am besten abgeschnitten.
news.de: Warum schafft Deutschland die Initialzündung zur besseren Bildung nicht?
Valtin: Erst muss ganzes Bündel von Problemen ausgeräumt werden. Mögen die Grundschüler auch gut lesen, der Absturz kommt in der Sekundarstufe, schlicht weil es nicht genügend Leseunterricht gibt, weil die Lehrer in dieser Schulstufe gar nicht dazu ausgebildet sind, Leseunterricht zu geben. Weil die frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schularten in Deutschland weltweit einzigartig ist. Und weil, wer einmal in der Hauptschule landet, kaum noch Übergangschancen auf einen höheren Bildungsweg hat. Dort werden die Schüler nicht angemessen gefordert. Und in den Gymnasien wird im Bezug auf das Lesen nicht genug gefördert.
news.de: Was also muss hierzulande passieren?
Valtin: Ich bin eine radikale Schulreformerin, deshalb bin ich überzeugt, wir müssten das ganze Bildungssystem umkrempeln – und zwar nach finnischem Vorbild oder entsprechend der Laborschule in Bielefeld, wo alle Kinder lange gemeinsam zur Schule gehen und individuell gefördert werden. Zudem wären Ganztagsschulen nötig. Deutschland ist das einzige Land, das die Halbtagsschule hat. Da fehlt den Kindern nachmittags kompensatorischer Ausgleich, wenn sie Zuhause ungünstige Voraussetzungen haben.
News.de: Gäbe es etwas, das für Deutschland ein erster Schritt zur Besserung sein könnte?
Valtin: In skandinavischen Ländern gibt es sogenannte Leselehrer, die den Klassenlehrern zur Seite stehen und dazu kommen, wenn ein Kind Schwierigkeiten hat. In Deutschland fehlt der Einsatz von entsprechendem Zusatzpersonal. Es gibt kaum Schulpsychologen oder Sozialarbeit. Die sind in anderen Ländern aber schon längst selbstverständlich.
Renate Valtin (65) war zuletzt Professorin für Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität in Berlin. Außerdem ist sie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben und arbeitet im Iglu-Konsortium mit.