Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
In Deutschland arbeiten mehr als 300.000 Menschen als Erzieher – bis auf zwei Prozent sind das alles Frauen. Für die Gesellschaft leisten sie Enormes, teilweise unter miserablen Bedingungen.
Erzieher tun mehr als auf den Nachwuchs aufzupassen, wenn die Eltern arbeiten müssen. Sie sind Vorbilder, Leitfiguren und im Leben vieler Kinder manchmal die zweite Familie. Sie ebnen Entwicklungswege, legen den Grundstein für die Zukunft. Erzieher, das sind Heimbetreuer, Sonderpädagogen, Heilpfleger und auch Sozialarbeiter. Und die Menschen, mit denen sie täglich zu tun haben, sind stets eine Herausforderung.
Wer die Herausforderung annimmt, muss viel Idealismus mitbringen. Studien haben ergeben, dass Erzieherinnen mit ihrem Beruf sehr zufrieden und ihre Aufgaben für die Gesellschaft unerlässlich sind. «Doch 65 Prozent der Erzieher glauben zugleich, dass ihre Arbeit nicht wertgeschätzt wird», sagt Norbert Hocke vom Bundesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissen.
Gründe dafür sind schnell ausgemacht: Schlechte Bezahlung und kaum zu erfüllende Rahmenbedingungen machen den Pädagogen zu schaffen. «Nehmen wir das Beispiel Baden-Württemberg. Im Schnitt muss eine Kindergärtnerin gemeinsam mit einer Hilfskraft 28 Kinder betreuen», so der Gewerkschafter. Der Bundesdurchschnitt liege bei 18 bis 20 Kindern.
Doch die Masse alleine ist nicht entscheidend. Politik und Gesellschaft verlangen effektive Bildungsarbeit. Intensive frühkindliche Bildung leidet jedoch, umso mehr Kinder zu betreuen sind. «Noch schwerer wiegt jedoch, dass rund ein Viertel aller Erzieher überhaupt keine Zeit für notwendige Vor- und Nachbereitung hat, Wochen- und Tagespläne stattdessen in der Freizeit aufstellen muss», moniert Hocke.
Von entspanntem, wirkungsvollem Arbeiten kann keine Rede sein, wirft man einen Blick auf die Bildungs- und Orientierungspläne der Länder, die eine Menge von einzelnen Erziehern fordern: naturwissenschaftliche Experimente, Buchbesprechungen, die Schulung von Bewegung und Motorik der Kinder, Ausflüge in den Wald oder ins Museum, Spielzeit, in denen die Betreuer die Steppkes auf ihre Entwicklung hin beobachten und Sprachtagebücher führen und vieles mehr.
Oft bringt der Beruf hohe gesundheitliche Belastungen mit sich, weiß Hocke: «Die Möbel in deutschen Kindergärten sind kindgerecht. Doch für die Erzieher bedeutet dies ständige Bewegungen von oben nach unten – egal ob die Kinder zum Schlafen gelegt, an nicht verstellbaren Wickeltischen gewindelt oder zum Trösten auf den Arm genommen werden müssen. Hinzu kommt der Lärm: Bei 20 Kindern ist ein Pegel von 117 Dezibel locker drin. Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen sind deshalb an der Tagesordnung. Weil «die Kinder auch mit Erkältungen in die Tagesstätten kommen», entstehen durch einen hohen Krankenstand zusätzliche Belastungen.
Und so pfeift manche Erzieherin auf dem letzten Loch, nicht nur gesundheitlich, sondern auch beim Gehalt. Wer im Kindergarten eine Vollzeitstelle hat, der geht im Durchschnitt mit «vielleicht 1400 Euro netto im Monat nach Hause», sagt der Gewerkschafter. Doch das ist inzwischen fast eine Ausnahme.
Angesichts rückläufiger Kinderzahlen werden freie Stellen fast nur in Teilzeit besetzt - im Osten betrifft das 80 Prozent aller Jobs, im Westen 50 Prozent. Schwieriger ist die Situation dagegen in Hamburg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Diese Länder arbeiten mit einem Gutscheinsystem. Hocke erklärt: «Dort werden die Verträge direkt mit den Erzieherinnen geschlossen. Wenn sechs Eltern eine Betreuung für zehn Stunden haben wollen, werden die Betreuer so eingestellt. Geht es auf fünf Stunden runter, sind die Kolleginnen wieder arbeitslos.»
Rosig sind diese Aussichten nicht. Besonders betroffen sind Erzieherinnen, die jünger als 30 Jahre sind. «Die bekommen fast nur befristete Stellen, etwa als Schwangerschaftsvertretung, und haben nach vier- bis fünfjähriger Ausbildung ein monatliches Nettogehalt von rund 800 Euro», betont Hocke. Zum Leben reicht das kaum, besonders dann nicht, wenn die Frauen selbst eine Familie haben. Inzwischen gebe es sogar erste Hinweise, dass die Frauen am Wochenende noch nebenbei arbeiten – etwa im Supermarkt oder an der Kinokasse.
Hocke stellt klar: «Unter diesen Umständen lässt sich keine sinnvolle, frühkindliche Bildung realisieren. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, das ein Kind im Schnitt mit vier Erzieherinnen täglich konfrontiert wird.»