Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
An keinem Ort der Erde ist der Klimawandel so deutlich spürbar wie in den Bergen. Noch gelten zwar mehr als 90 Prozent der Skigebiete in den Alpenländern als schneesicher. Das aber wird sich schon bald dramatisch ändern.
Es passiert während eines Skiausflugs im Schweizer Hochgebirge, irgendwo in der Nähe von Davos, da gerät Hans Castorp in einen lebensbedrohlichen Schneesturm. Doch er kann sich retten, in den Windschatten eines Heuschobers, und – so unglaublich das klingt – er schläft ein. Inmitten des tosenden Unwetters. Und Hans Castorp träumt, von einer wunderschönen «Bucht am Südmeer». Eine kitschig verklärte Szene, die der Protagonist von Thomas Manns Zauberberg da erlebt, dieser sonnenhungrige, kränkelnde Großstädter.
Hätte Thomas Mann nicht um einiges vertrackter gedacht, und wäre das Thema Klimawandel 1924 noch gar keines gewesen – Castorps Traum könnte als Vision der Gegenwart durchgehen. Denn tatsächlich ist der Klimawandel die größte Bedrohung für die Alpen. Vor allem für den Tourismus. Im letzten Jahr hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das in einer Studie bestätigt. 609 der 666 alpinen Skigebiete gelten derzeit von Natur aus als schneesicher, doch diese Zahl würde sich bei einer Klimaerwärmung um ein Grad auf 500, um zwei Grad auf 404 und um vier Grad auf 202 reduzieren.
Wie schnell das gehen kann, zeigt der Blick auf die letzten Jahre. In jüngster Zeit fällt in den Bergen die Erwärmung dreimal so stark aus wie im weltweiten Durchschnitt, die Jahre 1994, 2000, 2002 und vor allem 2003 waren die wärmsten, die in den Alpen in den letzten 500 Jahren verzeichnet wurden. «Klimamodellen zufolge ist in den kommenden Jahren mit noch größeren Veränderungen zu rechnen», heißt es in der OECD-Studie. Pisten oben ohne – das wird in einigen Skigebieten schon bald die Regel sein.
Doch bei diesem Prozess, der scheinbar kaum noch aufzuhalten ist, wird es nicht nur Verlierer geben, sondern auch so etwas wie Gewinner. Das Wallis, Savoyen oder Graubündenn sind laut OECD weit weniger gefährdet als etwa die französischen Seealpen, die Steiermark und Friaul-Julisch Venetien. «Wir in Graubünden haben noch Glück, da unsere Skigebiete relativ hoch gelegen sind», sagt Hans-Jörg Matter, Geschäftsführer der Bergbahnen Graubünden. Doch selbst hier, im höchst gelegenen Kanton der Schweiz, werden bereits etwa 30 Prozent der 1800 Pistenkilometer beschneit. «Ohne geht es auch bei uns nicht, denn der Gast möchte Ski fahren», sagt Matter. Und das will er natürlich auf Schnee, nicht auf der grünen Wiese. Außerdem gebe es auch noch die Konkurrenz in Österreich oder Italien, die schlafe ja auch nicht, fügt Matter hinzu. «Und dagegen sind wir immer noch Waisenknaben.»
Tatsächlich sind es etwa in Kärnten bereits 98 Prozent der Pisten, die beschneit werden. Bad Kleinkirchheim, einer der am meisten besuchten Ferienorte Österreichs, verfügt über die größte Lanzen-Beschneiungs-Anlage Europas, mit der jeder einzelne der 100 Pistenkilometer des 2000-Einwohner-Örtchens abgesichert ist. Dabei ist die Beschneiung keinesfalls eine günstige Angelegenheit, wie Hans-Jörg Matter vorrechnet. «Die Infrastrukturkosten, etwa für die Anschaffung der Schneekanonen, der Wasserleitungen und der elektrischen Anschlüsse, beläuft sich etwa auf eine Million Franken pro Kilometer», satte 630.00 Euro. Das aber seien langfristige und auch wohl überlegte Investitionen. «Niemand würde solche Anlagen bauen, ohne vorher gut zu kalkulieren, ob sich das auch lohnt.»
Dass diese Investitionen getätigt werden, zeigt, wie wichtig der Wintersport für die Alpen ist. Auch Michael Caflish vom Graubündner Amt für Wirtschaft und Tourismus weiß das: «Zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts werden bei uns durch die Binnenwirtschaft erzielt, ein Drittel durch den Export. Und davon macht der Tourismus etwa 50 Prozent aus. Damit ist er natürlich ein zentraler Motor der Bündner Volkswirtschaft.» Und noch funktioniert die Sicherung dieser so wichtigen Einnahmequelle mittels Kunstschnee, doch nicht überall.
«Kleinere Wintersportorte, die zumeist auch niedriger liegen, sind durch den Klimawandel nicht nur stärker bedroht, sondern verfügen auch über weniger Mittel zur Finanzierung kostspieliger Anpassungsmaßnahmen», schreibt Shardul Agrawala in der Studie der OECD. Für Michael Caflish ist das jedoch ein ganz natürlicher Prozess: «Natürlich gibt es einen Kampf groß gegen klein, hoch gegen weniger hoch. Aber das ist eben der Wettbewerb. Und das bedeutet ja auch nicht, dass kleinere Orte nicht auch erfolgreich sein können, gerade in Nischen, mit Besuchern, die vielleicht ganz andere Ansprüche haben.» Das sei eben eine Folge der Globalisierung. «Das ist der Markt, das ist das Leben.»
Und so beschneit auch Graubünden immer mehr seiner Pisten, Warnungen von Umweltschützern und immensen Kosten zum Trotz. Zahlen darüber, wie viel Wasser dadurch pro Saison verbraucht wird, gibt es keine. Zum Teil stammt es aus eigens für diesen Zweck gebauten Speicherseen, zum Teil aus Flüssen. Die Vorschriften, sagt Bergbahnchef Hans-Jörg Matter, seien jedoch in der Schweiz äußerst streng. Und die Entnahme von Wasser aus Seen und Flüssen immer bewilligungspflichtig. Chemische Zusätze sind in der Schweiz grundsätzlich nicht zugelassen. Doch auch so verlängern immer mehr Regionen in den Alpen künstlich die Wintersaison. «Im Spätherbst oder Frühwinter kann schon maschinell beschneit werden, sodass einige Regionen bereits da ein Minimalangebot bereitstellen können». sagt Matter. «Die Vorsaison hat sich um vielleicht ein bis zwei Wochen verschoben.» Und auch die Nachsaison sei länger geworden, da maschinell beschneite Pisten langsamer abtauten.
Mittelfristig wird Graubünden sich wohl kaum umstellen, weg vom klassischen Skitourismus. «Etwa 60 Prozent der Übernachtungen fallen bei uns in die Wintersaison», sagt Gieri Spescha, PR- und Marketingchef beim Tourismusverband Graubünden Ferien. Das macht 70 Prozent des Umsatzes aus. «Mittelfristig gibt es für uns also keine Alternative zum Wintersport. Es müssen zwar laufend neue Angebote kreiert werden, doch einen Ersatz sehe ich nicht.» Und so wirbt Graubünden nach wie vor mit seiner Schneesicherheit, in Werbespots, auf Plakaten und in Broschüren. «Schneesicherheit ist ein Wettbewerbsvorteil, den wir haben», sagt Spescha. «Wenn wir die Gästezahlen aber halten wollen, müssen wir das zukünftig noch stärker in die Kommunikation einbinden.»
Denn der Druck auf die Regionen wächst mit den Ansprüchen der Urlauber. «Früher hat es genügt, wenn eine Talabfahrt befahrbar blieb, das reicht schon längst nicht mehr», sagt Hans-Jörg Matter. Dabei gebe es eigentlich noch mehr als nur Skifahren. Eislaufen, Schlitten fahren, Kongresse, Kultur. Und es gebe auch genug Gästegruppen, die nicht auf den Schnee angewiesen seien, sagt Caflish. «Tendenziell» aber sei der Schnee natürlich ein Thema. «Man muss nur eben aufpassen, dass man sich nicht zu einseitig ausrichtet.»
Doch Caflish kann dem Klimawandel auch etwas Positives abgewinnen. «Im Sommer, da gibt es im Meer immer mehr Algen, es wird immer heißer und stickiger, also: Raus aus den Städten, raus aus der verdreckten Luft, rein in die Berge, in die schöne kühle Luft. Im Sommer haben wir also die größeren Wachstumspotenziale.»