1941 soll Johannes Heesters im Konzentrationslager Dachau vor SS-Leuten aufgetreten sein. Der Sänger hatte gegen diese Behauptung geklagt, das Urteil soll Mitte Dezember fallen.
Der Vorsitzende Richter, Michael Mauck, vertagte die Verkündung am Landgericht Berlin auf den 16. Dezember. In der heftigen Auseinandersetzung hatte es zuvor zwischen den Parteien keine Annäherung gegeben. Der Sänger verklagt den Berliner Historiker Volker Kühn auf Unterlassung und Widerruf.
Kühn hatte unter Berufung auf einen Augenzeugen behauptet, der Sänger und Schauspieler habe das KZ im Mai 1941 nicht nur mit dem Ensemble des Münchner Gärtnerplatztheaters besucht, sondern auch vor SS-Wachleuten gesungen. Heesters, der der Anhörung fern blieb, hat dies stets bestritten.
Kühns Anwalt Peter Raue zeigte sich nach der Anhörung optimistisch. Er erwarte, dass das Gericht «im Wesentlichen» die Position seines Mandanten bestätigen werde. Kühn besitze in einem wissenschaftlichen Diskurs das Recht auf freie Meinungsäußerung. Heesters Anwalt Gunter Fette hatte der Gegenseite vor Gericht hingegen vorgeworfen, «die Wahrheit mit Füßen» zu treten.
Zentraler Streitpunkt des Disputs vor Gericht war Kühns 1990 geführtes Interview mit dem ehemaligen Dachau-Insassen Viktor Matejka. Das Gericht sichtete einen wenige Minuten langen Ausschnitt des für eine ARD-Dokumentation aufgezeichneten Gesprächs.
Darin gab der mittlerweile verstorbene Wiener Kulturstadtrat an, bei Heesters Auftritt vor der SS-Wachmannschaft persönlich den Vorhang aufgezogen zu haben. Kühn hatte die Aussage unter anderem in dem Hörbuch «Hitler und die Künstler - Mit den Wölfen geheult» verarbeitet. Die CD war 2007 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet worden.
Der Historiker bezeichnete den Zeitzeugen vor der Anhörung als «mehr als glaubwürdig». Die Gegenseite bezichtigte Matejka nicht der Lüge. Fette sagte vor Gericht jedoch, Matejka habe sich «geirrt». Dies sei angesichts seines Alters von 89 Jahren bei dem Interview verständlich, rechtfertige jedoch nicht die Verbreitung «falscher Tatsachenbehauptungen».
Heesters Anwalt Fette verwies zudem auf ein Album mit Fotos von dem Besuch des Theaterensembles im KZ Dachau. In diesem fehlten Bilder von Heesters in Kostüm oder während eines Auftritts. Die Gegenseite wies diesen Umstand als nicht aussagekräftig zurück. Kühn betonte, nach Dachau sei niemals ein Künstler eingeladen worden, ohne dass dieser auch aufgetreten sei.
Anwalt Raue bekräftigte die Kompromissbereitschaft seines Mandanten. Kühn habe angeboten, «aus Respekt» vor dem bald 105-jährigen Heesters die Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. Kühn habe zu dem Thema «alles gesagt, was zu sagen ist». Ein Widerruf stehe jedoch außer Frage. Fette hatte dieses Angebot als «weniger als nichts» abgelehnt.
Die Auseinandersetzung wurde mit harschen Worten geführt. Fette warf der Gegenseite vor, eine «Pressekampagne» mit einem «unerträglichen Maß an Unwahrheiten» losgetreten. Raue bezichtigte Fette im Gegenzug der «vorsätzlichen Fälschung» von eingereichtem Beweismaterial und des «Prozessbetrugs».
Die Haltung des Gerichts blieb am Donnerstag offen. Richter Mauck hatte zu Beginn der Anhörung angekündigt, die Streitfrage nicht am selben Tag klären zu können. Die Zeitzeugen seien tot, die Indizien sprächen sowohl für als auch gegen die beiden Positionen. «Wir wissen es nicht», sagte Mauck zum fraglichen Auftritt Heesters.
Neben zahlreichen Medienvertretern, darunter auch Journalisten aus Heesters niederländischer Heimat, besuchte auch der Schauspieler Ilja Richter die Anhörung. Er bezeichnete die Klage im Anschluss als «Farce» und sprach von einem «unnötigen Angriff auf einen völlig integeren Autor». Dies könne nicht im Sinne Heesters sein, so Richter.
Heesters hatte in der Vergangenheit eingeräumt, er schäme sich «abgrundtief» für den «von den Nazis vorgeschriebenen Besuch» im KZ Dachau. Er habe jedoch nicht vor dem SS-Wachkorps gesungen und sich «nicht vor den Karren der Nazis spannen lassen». Heesters feiert am 5. Dezember seinen 105. Geburtstag und spielt derzeit den Kaiser Franz Joseph in der Operette «Im weißen Rössl» im Hamburger Theater im Winterhuder Fährhaus.
ped