Von Simon Kremer
Sachsen als Tal der Ahnungslosen? Diese Zeiten sind längst vorbei. Damit das auch die Abiturienten in Bayern mitbekommen, lockt das sächsische Staatsministerium künftige Studenten mit einer ungewöhnlichen Aktion.
Die Umzugskartons haben die Sachsen für die bayerischen Abiturienten gleich mitgebracht. Mit einem Lkw fahren sie an den Schulen vor, wo Umzugshelfer mit braunen Latzhosen die Kisten verteilen. Als Bestimmungsort zum Ankreuzen auf den Kartons steht aber nicht wie sonst Küche oder Wohnzimmer, sondern Dresden, Leipzig oder Zittau. Mit der Kampagne «Pack Dein Studium. Am besten in Sachsen» wirbt das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) im Westen für den Hochschulstandort Sachsen. Denn dem Freistaat gehen demnächst die Studenten aus.
Der starke Einbruch der Geburtenrate kurz nach dem Mauerfall erreicht bald die Hörsäle. «Während in Sachsen die Zahl der Abiturienten bis 2012 um fast die Hälfte im Vergleich zu 2005 sinkt, verzeichnen die westlichen Bundesländer im gleichen Zeitraum eine ansteigende Zahl von jungen Leuten mit Abitur», erklärte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) zum Start des laufenden Wintersemesters.
Eine Studie der Technischen Universität Dresden sieht die Hochschulen bereits «ab 2008 vor einem massiven Einbruch der Studienanfängerzahlen». Lebten 2006 noch rund 53.000 junge Menschen im Alter zwischen 17 und 20 Jahren in Sachsen, prognostiziert das Statistische Landesamt bis 2020 einen Rückgang auf etwa 29.000. Grund dafür ist auch die starke Abwanderung dieser Altersgruppe in Ostdeutschland: 22 Prozent der dortigen Abiturienten wandern nach Angabe des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in den Westen ab, im Gegenzug kommen aber nur vier Prozent westdeutsche Abiturienten.
Noch allerdings gleichen die sächsischen Hochschulen keiner Wüstenlandschaft. «Es handelt sich bei der Kampagne um eine präventive Maßnahme», sagt Eileen Mägel, Sprecherin des SMWK. Etwa 20.000 Studenten haben im Oktober ihr Studium in Sachsen begonnen. Diese Zahl muss das Land allerdings auch jährlich halten, denn im Rahmen des Hochschulpaktes 2020 zwischen Bund und Ländern, hat sich Sachsen zum Erhalt dieser Studienanfängerzahl verpflichtet. Dafür bekommt das Land 27 Millionen Euro, immerhin kostet der Erhalt ostdeutscher Kapazitäten weit weniger Geld, als der Aufbau neuer in den alten Bundesländern.
Ein Teil dieses «Studenten-Solis» haben SMWK und die 15 staatlichen Hochschulen jetzt in die 2,5 Millionen Euro teure Kampagne gesteckt, bei der sie westdeutsche Gymnasien und Hochschulen aufsuchen. «Der Osten hat nach wie vor ein schlechtes oder gar kein Image», sagt Mägel. Plattenbauten, Rechtsextreme und ein «weltfremder Dialekt» seien Vorurteile, mit denen Sachsen immer noch belegt sei. Dagegen setze man harte Fakten: Keine Studiengebühren, günstige Mieten, niedrige Lebenshaltungskosten. «Wir werden die Universitäten mit den eigenen Landeskindern nicht mehr füllen können», erklärt Mägel.
Eine, die für das Studium «rüber gemacht» hat, ist Julia Braun. Die 22-jährige Wuppertalerin zog es, auch ohne Werbekampagne, vor zwei Jahren nach Chemnitz. «Ich hab vorher noch nie von der Stadt gehört, wusste nicht mal wo sie liegt», sagt die Wirtschaftsstudentin. «Man kann sagen, dass Chemnitz mich nur wegen seinem zulassungsfreien Studiengang gelockt hat.»
Ihre Vorurteile habe sie aber schnell abgelegt. Sie sei sehr zufrieden mit der technischen Ausrüstung und der Infrastruktur an der Universität. «Man lernt die Professoren recht schnell kennen, es geht nicht so anonym zu», sagt sie.
Doch Werbung für das Land alleine reiche nicht aus, findet Thimo von Stuckrad vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Es wäre nötig, die einzelnen Hochschulen besser ins Licht zu setzen: «Solche Dachkampagnen können helfen, dies zu tun. Das sieht derzeit aber noch nicht so aus.» Die sächsische Werbetour sei jedoch ein erster guter Schritt.
Ein Schritt, dem bald westdeutsche Studienanfänger ostwärts folgen sollen. Im März kommendes Jahres starte eine bundesweite Imagekampagne aller fünf ostdeutschen Bundesländer unter dem Titel «Studieren in Fernost», sagt von Stuckrad.
Schon seit Jahren werben Hochschulen in den neuen Bundesländern um Studenten: Die Universität Halle schaltete Werbespots in mehr als 200 Kinos, in Greifswald verlost die Universität Gutscheine für Segeltörns und die Universität Potsdam verspricht jedem Studienanfänger eine kostenlose Bahncard, damit der Weg aus dem Westen nicht zu teuer wird. Die passenden Umzugskartons könnten sich Interessierte dann ja bei den Sachsen holen.