Vier Jahre nach der Tsunami-Katastrophe am Indischen Ozean ist ein deutsches Frühwarnsystem in Betrieb gegangen. Künftig senden Bojen, Seismometer und Sensoren am Meeresboden Daten nach Jakarta, von wo aus binnen Minuten Alarm gegeben wird.
Das System sei das modernste und leistungsfähigste weltweit, sagt Thomas Reiter vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Weihnachten 2004 riss die gewaltige Welle nach einem Seebeben 230.000 Menschen in den Anrainerstaaten des Indischen Ozeans in den Tod, die Hälfte von ihnen auf den Inseln Indonesiens. Für sie gab es keinerlei Warnung. Die Bundesregierung beschloss daraufhin, im Rahmen der Tsunami-Hilfe den Aufbau eines Warnsystems (GITEWS) mit 45 Millionen Euro zu finanzieren.
Neun deutsche Forschungseinrichtungen waren beteiligt, unter ihnen das Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ) und das DLR. «Dieses Projekt unterstreicht die Bedeutung Deutschlands als High-Tech-Land», sagt Reiter.
Der besonders erdbebengefährdete Sundabogen liegt nahe Sumatra, ein Tsunami kann die Insel binnen Minuten erreichen. Deshalb zählt jede Sekunde bei der Entscheidung, Alarm zu schlagen. Das DLR hat laut Reiter ein System zur Aufarbeitung der Messdaten entwickelt, damit die Mitarbeiter in dem Lagezentrum auch unter Stress die richtige Entscheidung treffen können - quasi das Herzstück des Warnsystems.
«Fehlalarme sollen möglichst verhindert werden», erläutert der DLR-Vorstand. «Wenn diese häufiger ausgelöst werden, reagieren die Leute nicht mehr darauf.» Deshalb müsse das System in den nächsten Jahren optimiert und feinjustiert werden. «Wir brauchen Erfahrungswerte für die Analyse der Daten. Die werden wir in den nächsten Jahren bekommen», sagt Reiter. 2010 soll das Frühwarnsystem ganz in indonesische Hände übergehen.
Das GITEWS hat bereits vor der kompletten Inbetriebnahme seine Möglichkeiten angedeutet. «Das System hat ein Beben vor Sumatra im September 2007 bereits nach fünf Minuten registriert», sagt Reiter. Das US-Tsunami-Warnsystem im Pazifik habe neun Minuten länger gebraucht.
Doch nicht jedes Beben löst eben einen Tsunami aus: Drei Monate nach den verheerenden Erdstößen vom Dezember 2004 riss der Ozeanboden vor Sumatra erneut auf einer Länge von 300 Kilometern auf. Doch die befürchtete Riesenwelle blieb aus. Ob sich gewaltige Wassermassen bei einem Beben in Bewegung gesetzt haben, sollen künftig Drucksensoren auf dem Meeresboden erkennen, die ihre Daten über eine Boje an einen Satelliten schicken. Modellrechnungen zeigen, wo genau was an Land passieren könnte.
Bei einem Alarm werden die Menschen in den Küstenregionen über Radio, Fernsehen, SMS und Sirenen über das drohende Unheil informiert. «Diese Umsetzung ist Sache der indonesischen Behörden», erklärt Reiter.
Die Erfahrungen, die die deutschen Forscher am Indischen Ozean gewinnen, können später auch quasi vor der Haustür genutzt werden. «Auch für das Mittelmeer gibt es Szenarien für Tsunamis», sagt der Wissenschaftler. Dort seien die Vorwarnzeiten ähnlich kurz wie in Indonesien.
Bei dem Warnsystem, das bereits in der Konzeptionsphase ist, könnte eine neue Technik zum Einsatz kommen: «Wenn sich die Wasseroberfläche hebt oder senkt, entstehen sogenannte Infrawellen, die in den oberen Atmosphärenschichten reflektiert und gemessen werden können», erläutert Reiter. Auf diese Weise könnten Millionen Menschen an den dicht besiedelten Mittelmeerküsten im Fall der Fälle entscheidende Minuten früher gewarnt werden.
car