Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Ein Draufgänger ist er: paarungsfreudig, konkurrenzstark und ausgestattet mit einem gewissen Killertrieb. Gemeint ist der asiatische Marienkäfer, der sich hierzulande breit macht. Er steht im Verdacht, seine einheimischen Artgenossen zu verdrängen.
Einst galten sie als die Retter der Ernte. So will es zumindest die Legende. Die Menschen beteten zu Gott, als die Pflanzen auf den Feldern von Blattläusen befallen waren. Just an Maria Himmelfahrt kamen die Tiere vom Himmel herunter und vernichteten die Schädlinge. Von da an hießen sie Marienkäfer nach der Mutter Gottes und galten als Glücksbringer.
Irgendwann waren den Menschen die Dienste des heimischen Marienkäfers aber nicht mehr genug. Sie brachten vermutlich über die USA den in Japan und China beheimateten asiatischen Marienkäfer (Harmonia axyridis) nach Europa, um ihn in der Landwirtschaft zur biologischen Schädlingsbekämpfung einzusetzen. Zu erkennen ist er an seinen hellgelben Deckflügeln und seinen schwarzen Punkten, von denen die meisten Käfer 19 besitzen. «Er ist sehr gefräßig und vertilgt auch Blattlausarten, die unsere heimischen Marienkäfer verschmähen», sagt Gerlinde Nachtigall von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Braunschweig. Das ist die gute Seite des Einwanderers.
Doch er hat auch schlechte Eigenschaften. So hat er sich in den vergangenen Jahren explosionsartig ausgebreitet. Er lässt sich in Massen auf Häuserfassaden nieder, krabbelt durch Fenster- und Türritzen und treibt so manche Hausfrau in den Wahnsinn. Denn der Harlekin-Käfer, wie die asiatische Art genannt wird, sammelt sich zu Dutzenden in den Ecken von Eingangstüren, Tür- und Fensterrahmen, um dort zu überwintern.
In der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft gehen in diesen Tagen zahlreiche Anrufe ein: Besorgte Menschen wollen wissen, wie sie die Plagegeister wieder los werden. Gerlinde Nachtigall kann die meisten beruhigen, der Eindringling sei gesundheitlich völlig unbedenklich, steche nicht und beiße nicht. Entweder befördere man ihn mithilfe eines Glases nach draußen oder man greife zu drastischeren Mitteln, packe ihn in einen Tiefkühlbeutel und stecke ihn ins Gefrierfach oder vernichte ihn mit dem Staubsauger. Zertreten oder gar zerquetschen sollte man die Käfer aber nicht. Denn bei Gefahr stoßen sie ein bitteres Körpersekret aus, das unangenehm riecht – und schmeckt.
Diese Art der Verteidigung hat auch dazu geführt, dass der asiatische Marienkäfer kaum natürliche Feinde hat. Ein Vogel, der einen solchen Käfer einmal gefressen hat, will keinen zweiten mehr. Genau das ist auch der Grund, warum die Tiere zur Plage wurden – vor allem in Frankreich. Dort wurde der vermeintliche Glücksbringer 1982 als umweltfreundlicher Läusevernichter eingeführt. Die Firma Biotop vermarktete ihn zunächst ohne Bedenken, stellte den Handel aber im Jahr 2000 ein, als sich die unkontrollierbare Ausbreitung andeutete. Inzwischen ist Biotop mit einer Züchtung auf dem Markt, die nicht fliegen kann. Zu spät für die französischen Winzer, die sich inzwischen ernsthafte Sorgen machen. Denn im Herbst, wenn die lebendige Beute knapp wird, beißt der Harlekin-Käfer gerne in süße Weintrauben. Gelangt sein Körpersekret in den Verarbeitungsprozess, kann das den Geschmack des Weines spürbar beeinträchtigen. «Der Wein schmeckt dann nach verbrannten Erdnüssen», sagt Gerlinde Nachtigall.
Deutsche Winzer beobachten diese Entwicklung mit Argwohn. Seit Anfang des neuen Jahrtausends wird der Käfer auch in Deutschland zur natürlichen Schädlingsbekämpfung in Gewächshäusern eingesetzt. «Solange sie im Gewächshaus bleiben, ist das kein Problem für das Ökosystem», sagt Julian Heiermann, Insektenforscher vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Offensichtlich seien aber einige Exemplare entwischt und hätten sich so schnell vermehrt, dass das Ökosystem sie nicht mehr los wird. Nicht zuletzt, weil sie sehr anpassungsfähig seien und sich hier anscheinend sehr wohl fühlten, erklärt der Nabu-Experte. Vor allem in Süddeutschland tritt der Exot in Massen auf, er wird aber auch in Teilen Nord- und Ostdeutschlands gesichtet.
Heiermann befürchtet, dass der Exot die einheimischen Marienkäferarten, von denen es rund 80 gibt, verdrängt. «Der asiatische Marienkäfer und seine Larven können sich gegen ihre Konkurrenten einfach besser durchsetzen», sagt er. Die einheimischen Arten würden regelrecht weg gefressen, wenn nicht mehr genug Nahrung für alle da sei. Für Gerlinde Nachtigall ist das Schwarzseherei. «Niemand weiß, wie der Konkurrenzkampf ausgehen wird», sagt sie. Fest stehe nur, dass «wir mit der asiatischen Art leben müssen, denn wir bekommen sie nicht mehr los».