Die Pfarrerin, ihre Frau und ihr Sohn
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Von Stephen Wolf
Artikel vom 27.10.2008«Ich will mich nicht verstecken», sagt Anne Daur-Lyrhammer. Und sie klingt entschlossen. Vor wenigen Wochen hat die Pfarrerin ihre neue Stelle im südhessischen Egelsbach angetreten. Gekommen ist sie mit ihrem Sohn Samuel und ihrer Frau Kerstin.
Anne Daur-Lyrhammer ist Pastorin im kleinen Egelsbach und macht aus ihrer Homosexualität kein Geheimnis. Die Stelle in Egelsbach hat sie zugewiesen bekommen von Gabriele Scherle, der Pröbstin für Rhein-Main in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau. Auch sie war der Meinung, eine lesbische Pfarrerin solle sich nicht in der anonymen Großstadt «verstecken», sondern offen zu ihrem Leben stehen. Am besten in einer kleinen Gemeinde.
«Sie hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Nicht alle Kirchengemeinden sind so offen», weiß Anne Daur-Lyrhammer, die unter anderem in Tübingen studiert hat. In ihrer württembergischen Heimat hatten ihr die Kirchenfunktionäre kaum Chancen auf eine Stelle als Pfarrerin eingeräumt. «Gute Noten und größte Zurückhaltung im Liebesleben - das waren die Bedingungen für eine Stelle», erinnert sie sich. Ein solches Leben, zwischen Selbstverleugnung und Heuchelei, habe sie sich nicht auferlegen wollen: «Es ist mir wichtig, eine offene Beziehung zu führen und sagen zu können, was ich für richtig oder falsch halte.»
Aufgrund der Ressentiments, wie sie in manchen protestantischen Landeskirchen noch herrschten, habe sie während des Theologiestudiums eine seelsorgerische Ausbildung absolviert. «Für alle Fälle. Es war ja fraglich, ob ich als Lesbe überhaupt irgendwo als Pfarrerin arbeiten kann.» Ohnehin gehe es ihr um die Arbeit mit Menschen: «Wenn ich als Pfarrerin bei einem Todesfall die Hinterbliebenen trösten kann, wenn ich ein Paar traue, dann ist mein Liebesleben unwichtig.»
Das sehen nicht alle so. Nach wie vor sorgt die Homo-Ehe für politischen Zündstoff, nicht nur unter den Evangelikalen in den USA, auch in Bayern. Berichte über Aggressionen gegen Homosexuelle kommen regelmäßig aus Polen, Russland oder vom Balkan. «In Frankfurt musste ich auch schon ein Lokal verlassen und auch im Urlaub habe ich Feindseligkeiten erlebt», berichtet Anne Daur-Lyrhammer.
In Egelsbach habe sie bisher jedoch überwiegend herzliche Begegnungen gehabt, sagt die Pfarrerin. Während sie an ihrem Tee nippt, berichtet sie: Kinderbibelwoche, Vorstellung beim Kirchenvorstand, Kerbgottesdienst und so weiter. Unbekannte haben Blumen vor die Haustür gelegt. Ein gutes Zeichen. «Die Leute spüren schnell, dass unser Leben gar nicht exotisch ist», sagt die Pfarrerin.
Ihre Partnerin Kerstin Lyrhammer nickt und behält den anderthalb Jahre alten Sohn im Blick. Der Junge streift neugierig durch die Wohnung. Noch ist die neue Bleibe nicht ganz fertig eingerichtet. Auch mit Rudi Moritz, dem Bürgermeister der 10.000-Seelen-Gemeinde, steht noch ein Gespräch aus. Der hat schon viel von der ungewöhnlichen Familie gehört. «Die Leute reden sich den Mund darüber fusslig, dass eine Frau in dieser besonderen Stellung eine Freundin und keinen Mann hat.» Letztlich, so glaubt der parteilose Rathauschef, werde die Pfarrerin in der Gemeinde akzeptiert: «Wir sind ja schließlich weltoffen.»
Die Haltung der neuen Nachbarn der dreiköpfigen Pfarrersfamilie bestätigt das. «Uns interessiert nur, was sie in der Kirche predigt», sagt ein Gemeindemitglied. «Ihr Privatleben geht uns nichts an.» Noch im Sommer hat das Trio in Frankfurt gelebt, wo Kerstin Lyrhammer als Landesgeschäftsführerin der Grünen Jugend Hessen auch weiterhin arbeitet. «Für mich ist das Pendeln unproblematischer als für Anne. Sie will den engen Kontakt zur Gemeinde», sagt die Fränkin. «Es ist mir wichtig, die Leute aus meiner Gemeinde auch mal zufällig auf der Straße zu treffen», bestätigt die Pfarrerin.
2002, kurz nachdem das Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft verabschiedet war, haben beide Frauen offiziell den Bund fürs Leben geschlossen. Wie es sich für eine angehende Pfarrerin gehörte, fand neben dem amtlichen Akt auch eine kirchliche Segnungsfeier statt. Anne Daur-Lyrhammer sieht ihr Leben im Einklang mit den Werten des Christentums: «Gott hat uns so erschaffen, wie wir sind, Gott will, dass wir Gerechtigkeit leben.» In Egelsbach, so hoffen die Lyrhammers, können sie so sein, wie sie sind. «Eigentlich sind wir ziemlich normal», sagt die Pfarrerin.
mac
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