Fr., 25.05.12

Analphabetismus 29.11.2008 «Betroffene brauchen Hilfe zur Selbsthilfe»

Katja Klose (Foto)
Katja Klose weiß um die Ängste der Analphabeten. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann

Lesen lernen Kinder spätestens in der Schule. Das funktioniert nicht immer, beweisen mehr als vier Millionen Analphabeten in Deutschland. Ihnen will der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung helfen. Dort arbeitet Katja Klose, die die Probleme kennt.

news.de: Menschen, die feststellen, dass sie Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben, trauen sich nicht, um Hilfe zu bitten. Warum?

Klose: Nicht lesen oder schreiben zu können, wirkt oft stigmatisierend. Betroffene haben häufig das Gefühl, dass sie dafür von ihren Mitmenschen ausgelacht werden. Sie glauben nicht, dass auch andere solche Probleme haben. Zudem ängstigen sie sich davor, sich anderen anzuvertrauen. Es hat etwa den gleichen Effekt,wie wenn früher jemand sagte, dass er schwul sei.

news.de: Das Problem ist doch aber erkannt. Viele Volkshochschulen bieten Kurse für Analphabeten an. Warum gehen Betroffene nicht dort hin?

Klose: Es kostet Selbstüberwindung und eine Portion Mut, um an solchen Kursen teilnehmen. Wir haben oft erlebt, dass Menschen sich für einen Kurs angemeldet haben, am ersten Tag dreimal um die Volkshochschule liefen und anschließend wieder heimgingen. Sich Ängsten zu stellen, ist nicht leicht.

news.de: Wie kann der Bundesverband Alphabetisierung dann noch helfen?

Klose: Wir haben dafür das Alphatelefon, eine Beratungshotline, die Betroffene und Außenstehende, die helfen wollen, informiert. Beispielsweise über Lernmöglichkeiten, Kurse und Ähnliches.

news.de: Es gibt aber Betroffene, die selbst davor Hemmung haben, dort anzurufen. Wie können diese Menschen sich selbst helfen?

Klose: Denen rate ich zum Internetportal ich-will-lernen.de. Über diese Plattformen können Menschen mit Analphabetismus auch anonym lernen. Hier kann man von Anfang an lernen, zu lesen und zu schreiben. Das geht über die Tastatur. Für viele Menschen ist das einfacher als mit einem Stift in der Hand, mit dem oft die Angst verbunden ist, versagen zu können.

news.de: Mitunter kommt es vor, dass Betroffene ihr Probleme selbst nicht wahrnehmen. Wie können Außenstehende helfen?

Klose: Da ist behutsames Vorgehen angeraten. Wer sich nicht traut, das Problem direkt anzusprechen, kann sich an das Alphatelefon wenden und sich beraten lassen. Ein Blick ins Internet kann ebenfalls hilfreich sein – auch auf ich-will-lernen.de. Dort sind Kurse regionaler Volkshochschulen zu finden. Besonders hilfreich ist es aber auch, sich Betroffenen als Unterstützer anzubieten, zu sagen, dass man gerne zum Kurs für Analphabeten mitgehe. Betroffene brauchen oft Hilfe zur Selbsthilfe.

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