Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier
Deutschlands heißester Tag des Jahres steht bevor. Die Südeuropäer kämpfen seit Wochen mit unerträglicher Hitze. Sie machen dabei viel falsch, aber auch einiges richtig: zum Beispiel die Nacht zum Tag.
Alle Jahre wieder werden sie mit großem Trara angekündigt, so auch 2009: die heißesten Tage des Jahres. Bis zu 36 Grad prognostiziert der Deutsche Wetterdienst (DWD) für Donnerstag, die Höchstwerte sind an Mosel, Rhein und Main zu erwarten. Ein Hoch über Osteuropa und ein Tief über Island bewirken die Hitze, ab Mittwoch wird durch diese Wetterlage heiße Luft direkt von Afrika nach Mitteleuropa gesaugt, erklärt der Dienst das Phänomen.
Auch die Nächte können in den nächsten Tagen mit 20 Grad «tropisch» werden, kündigt DWD-Sprecher Marcus Beyer an. Am Donnerstagnachmittag sind in Westdeutschland Gewitter zu erwarten, die am Freitag auch den Osten erreichen. Aber «vorbei ist es mit dem Sommer dann noch lange nicht», sagt Beyer. Es kommt mehr warme Luft nach Deutschland.
36 Grad - da können Südeuropäer nur schmunzeln. In den Hitzehochburgen der Mittelmeerländer ist eine Vier vorn auf der Temperaturanzeige keine Seltenheit. Sommer bedeutet Hitze, und entsprechend lebt man. Rom, Sevilla oder Athen sind im August leer. Den Jahresurlaub nehmen die Familien selbstverständlich im Juli und August – und es geht ans Meer. Am Strand verkriecht man sich unterm Sonnenschirm, und in den heißesten Stunden werden plötzlich die begehrtesten Sandplätze wieder frei: Das Mittagessen - in Spanien werden auch bei größter Hitze traditionelle Bohneneintöpfe verdrückt - nebst ausgiebiger Siesta findet normalerweise im Apartment oder Hotel statt. Erst am späten Nachmittag belebt sich der Strand wieder.
Auch wer in der Stadt wohnt, bleibt im Schatten. Während unsereiner einfach gern die Sonne auf der Haut spürt, haben die meisten Südländer irgendwann genug von ihr. «El Lorenzo», wie die Spanier den gleißenden Ball nennen, geht man möglichst aus dem Weg. Zwischen 12 und 20 Uhr findet sich niemand auf den Straßen - außer vielleicht ein paar weißhäutige Touristen, die partout ihre wertvolle Urlaubszeit ausnutzen wollen.
Stattdessen sitzt die einheimische Familie vor dem Fernseher und döst beim Dröhnen der Nachmittagstalkshows vor sich hin. Die Rolladen sind heruntergelassen, die Fenster geschlossen, und manch einer holt sich im Sommer ob der unnatürlich kalten Temperaturen eine dicke Erkältung mit Fieber. Denn die Südländer sind nicht mehr, was sie mal waren. Permanent wird über die Hitze geschimpft, und seitdem sich jeder eine Klimaanlage leisten kann, surren und piepen die Geräte Tag und Nacht. Gern wird die Gradzahl der Außentemperatur halbiert.
Kühle, um nicht zu sagen Kälte, ist im südeuropäischen Sommer das höchste Gut, und da südländische Charaktere zur Übertreibung neigen, muss es statt richtig heiß eben richtig kalt sein. Auch ein Bier darf nicht einfach kühl sein, sondern muss kurz vor dem Gefrierpunkt stehen, um als trinkbar zu gelten. Eisbrocken werden tütenweise an Tankstellen und Kiosken erworben, damit am Getränkeglas auch stilecht kondensiertes Wasser herunterläuft.
Tatsächlich sind eiskalte Getränke ungesund, weil sie die Schleimhäute austrocknen. Außerdem reagiert der Körper auf den Kälteschock mit verstärkter Durchblutung – es wird also doch wieder warm. Auch eine Klimaanlage sollte unbedingt moderat eingesetzt werden und die Luft nur um sechs bis acht Grad herunterkühlen. Vor allem häufige Temperaturwechsel, zum Beispiel beim Ein- und Aussteigen von der Hitze ins kalte Auto, machen krank - und fressen extrem viel Strom.
Um nachts zum Schlafen halbwegs kühle Räume vorzufinden, empfiehlt es sich, wie es die Südländer richtig vormachen, tagsüber heiße Sonne und Luft auszusperren und in der Nacht die Fenster aufzureißen, damit kühle Luft zirkuliert. Vorsicht allerdings mit direkter Zugluft. Auch Ventilatoren helfen, die wedelnde Luft hält ein leichtes Laken statt Steppdecke vom Körper fern.
Doch geschlafen wird in südeuropäischen Nächten ohnehin recht wenig. Der ganze Tagesrhythmus verschiebt sich: Die Vesper nimmt man gegen 20 Uhr ein, das Abendessen kann sich gut und gern bis nach Mitternacht hinziehen. Kein Wunder, dass selbst Kinder bis in die Nacht über die Plätze toben, wenn man draußen endlich durchatmen kann. Die Eltern haben keine Lust, zur schönsten Zeit des Tages in der Bude den Nachwuchs zu hüten. So schlafen die Kleinen im Sommer meistens bei ihren Eltern auf dem Schoß ein. Und gönnen sich am Nachmittag gegenseitig eine Siesta.
iwe/news.de/ap/ddp