Fr., 25.05.12

Duzen oder Siezen 18.08.2009 Per «Sie» mit dem Dreikäsehoch

Der niederländische Fußballlehrer Louis van Gaal lässt sich von seinen Töchtern siezen. (Foto)
Der niederländische Fußballlehrer Louis van Gaal lässt sich von seinen Töchtern siezen - in Holland nicht unüblich. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Wenn Sandra Florez Arenas ihr Babysitterkind ins Bett bringt, klingt das ein bisschen witzig: «Duermese Usted ya», «Nun schlafen Sie schon», fordert sie den Kleinen auf. Von übertriebener Ehrerbietung dem Quälgeist gegenüber kann dennoch keine Rede sein.

Die Kolumbianerin sagt einfach zu jedem und allen «Usted», das spanische «Sie». Auch zu ihrem Partner Yonni Cuero Acosta. «Sie kommt aus der Kaffeeregion. Da benutzt niemand das «Tú» (du). Für die Kaffeebauern ist das «Tú» sehr kompliziert. Sie wissen nicht genau, wie sie es konjugieren sollen, und es gilt auch als fehlender Respekt», erklärt dieser.

Respekt verlangt auch Louis van Gaal von seinen Kindern. Der neue Bayern-München-Trainer hat ein paar Extra-Schlagzeilen produziert, weil er der Süddeutschen Zeitung im Interview anvertraute, dass er sich von seinen Töchtern siezen lässt. Van Gaal ist Niederländer. «Das ist in den Niederlanden nicht unüblich, aber ein bisschen altmodisch», ordnet Ellen Wagner vom Berliner Institut für Deutsche und Niederländische Philologie ein. Großeltern werden in katholischen Gegenden noch heute häufig gesiezt, erzählt die Niederländerin.

Wie spreche ich die anderen an - diese simple Frage ist auch in Deutschland vielen ein Rätsel. «Es bleibt bei der Sprachverwendung immer eine gewisse Zone der Unsicherheit», sagt Lutz Kuntzsch, Mitarbeiter der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden. Immer wieder bekommt die Gesellschaft Anfragen, zum Beispiel bei Streitthemen, wenn mal wieder jemand einen Polizisten geduzt hat – denn das kann teuer werden.

Der Sprachwissenschaftler beobachtet in Deutschland seit einigen Jahren wieder einen leisen Trend zum «Sie». Auch unter jungen Leuten, nachdem die 68er das «Du» kräftig angeschoben hatten und man sich, ohne Rücksichtnahme auf den Status, plötzlich duzen durfte. Vor allem an ihrem direkten Einflussgebiet, den Universitäten. Aber selbst an der Uni Bremen, wo das «Du» zum guten Ton gehörte, haben manche Lehrkräfte die Höflichkeitsform inzwischen wieder ausgegraben.

Den Rückschritt zu mehr Respekt hält Lutz Kuntzsch für sinnvoll: «Das ‹Sie› zeigt nicht nur Distanz, sondern auch Respekt.» Grundsätzlich sei es schön, aus verschiedenen Möglichkeiten wählen zu können. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten die Deutschen sogar vier Anredeformen zur Verfügung, kann man in Werner Beschs Duzen, Siezen, Titulieren nachlesen.

Am Anfang war das «Du». Seit dem 9. Jahrhundert sprach man dann in der Hierarchie höher Positionierte mit «Ihr» an. Soweit die Anredeformen des Mittelalters. Im 16. Jahrhundert dann schlich sich die dritte Person Singular in die Anrede ein: «Hat er gut geschlafen?», fragte nun der Diener den werten Herren. Unser höfliches «Sie» stammt erst vom Ende des 17. Jahrhunderts.

Als «wahre Spielwiese für differenzierte gesellschaftliche Etikettierung» bezeichnet Besch dieses Vierersystem, zu dessen Illustrierung er die Minna von Barnhelm oder Kabale und Liebe empfiehlt. Die Mannigfaltigkeit schwindet jedoch mit dem 19. Jahrhundert, und mit dem 20. Jahrhundert lockert sich in Deutschland auch die Ansprache an die Eltern: Der Vater wird zum Papa. Und ist nicht mehr ganz so gestreng.

In der Familie ist man per «Du». 100-prozentige Regeln aber kennt selbst der Knigge nicht. «Jede volljährige Person hat nach allgemeiner Auffassung ein Recht darauf, mit ‹Sie› angesprochen zu werden. Dies ist die Regel, das ‹Du› demnach die Ausnahme», schreibt knigge.de. Alter, soziale Stellung, die Art der Beziehung, aber auch das Umfeld und die Situation bestimmen die Anrede, erklärt Lutz Kuntzsch.

Schließlich käme im Schützenverein niemand auf die Idee, den Rudi zu siezen, nur weil er ein paar Jahre älter und vielleicht Anwalt ist. «Wo Gleichgesinnte aufeinandertreffen, entstehen Duz-Zonen», sagt Kuntzsch. Im «Du» trifft sich zünftige Vereinskultur mit dem legeren Slang der Musikszene und der Theaterbühne. Unter Sportlern steht man sich nah, und auch Genossen pflegen das brüderliche «Du» - bei Linken und Sozialdemokraten ist es nach wie vor üblich. Im Internet und bei Ikea ist das «Du» Teil der poppigen Unternehmensphilosophie.

Schwierig werde es nur, wenn sich Lebensbereiche überschneiden, sagt Kuntzsch. Er selbst hat es bei seinem Studium in den 1980er Jahren in Leipzig beobachtet. «Studierende und jüngere Lehrkräfte duzten sich im Jugendverband und mitunter in der Partei. Im Unterricht verwendeten sie aber das ‹Sie›», erinnert er sich.

Grundsätzlich ist der Arbeitsplatz eine «Sie»-Zone. Irgendwann zwischen 16 und 20 Jahren kommt der Umschwung, man wird gesiezt, der Übergang zum «Du» wird zum Thema. «Ohne Vorwarnung zu duzen ist eine Unart», findet knigge.de. Lutz Kuntzsch beginnt auch bei ehemaligen Lehrern, die er nach Jahren wiedersieht, vorsichtshalber wieder beim «Sie». «Es ist zweifellos am Älteren, das «Du» vorzuschlagen», betont er. Ein Irrtum sei, das Duzen als Selbstläufer zu mehr Vertrautheit misszuverstehen.

Auch ständig duzende Angelsachsen sind sich schließlich nicht allesamt vertraut, weil sie sich nur mit «You» anreden können. Um Respekt zu zeigen, verwenden sie ähnlich wie im Deutschen das «Mister» oder «Misses» mit Nachnamen. Der Amerikaner Daniel Benesh arbeitet seit zwei Jahren am Plöner Max-Planck-Institut. «Glücklicherweise haben die meisten meiner Kollegen gleich gesagt, wir bleiben beim ‹du›», sagt der Biologe zu seiner Gewöhnung an das deutsche «Sie». Er denke normalerweise nicht darüber nach, welche Form er nutzen sollte: «Wenn ich was falsch sage, kann ich meine Muttersprache als Ausrede benutzen.»

Das Duzen der Nordamerikaner hat sich auch in Kolumbien niedergeschlagen, erzählt Yonni Cuero Acosta. «‹Tú› verwenden vor allem die Heranwachsenden, weil sie viel amerikanisches Fernsehen gucken. Wenn mein Vater das hört, sagt er nur, ‹die Jugend von heute ist verloren›, erzählt Cuero Acosta. Das «Tú» ist für ihn auch eine Attitüde der Neureichen, der Mama- und Papa-Söhnchen. In Leipzig, wo Yonni derzeit sein Wirtschaftsstudium vertieft, versucht er, das «Du» zu umgehen: «‹Sie› ist einfacher, da kann man beim Verb einfach den Infinitiv nehmen.»

In Kolumbiens Sprach-Mutterland Spanien existiert die Differenzierung «Du» und «Sie» ähnlich wie im Deutschen. Allerdings geht man dort schneller zum «Tú» über als hierzulande. Die meisten, auch ältere Menschen, stellen sich einfach nur mit ihrem Vornamen vor. Ein ähnlich mannigfaltiges Repertoire wie das alte Deutsch hat heute noch das Russische vorzuweisen: mit dem Vatersnamen, der nach dem Vornamen eine höfliche Anrede bildet, und den Kosenamen wie Tanja für Tatjana oder Katja für Katharina können sie ihr Verhältnis in der Anrede feiner ausdifferenzieren - Missverständnisse sind für Ausländer natürlich vorprogrammiert.

iwe/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Wilfried Hüfler
  • Kommentar 1
  • 25.08.2009 03:04
 

So sehr die Feminismus-Grammatik (Typ BerlinerInnen, jedeR) abzulehnen ist, weil sie zu sprachlicher Unordnung führt, wäre eine ähnlich rigorose Verallgemeinerung der bei uns teils schon üblichen Du-Form gut, weil sie Mehrdeutigkeiten vermeidet. SIE ist ja 3. Person Plural, bezeichnet aber auch eine höflich angeredete Person oder mehrere; IHR ist zwar systembedingt irreparabel (\\\"Habt ihr ihr ihr Foto gezeigt?\\\"), aber schon IHRE spaltete sich in IHRE, DEINE und EURE, ebenso ergäbe IHNEN dann IHNEN, DIR und EUCH. \\\"Sie\\\" zerfiele in DU, DICH, bzw. IHR, EUCH. \\\"Du, HERR Meyer\\\" wäre höflich genug.

jetzt antwortenKommentar melden
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

Duzen oder Siezen: Per «Sie» mit dem Dreikäsehoch » Gesellschaft » Nachrichten

URL : http://www.news.de/gesellschaft/5260/per-sie-mit-dem-dreikaesehoch/1/

Schlagworte:

Aber , Acosta , Adriana Gaal , Allesamt , Alte , Alter , Ältere , Älteren , Amerikaner , Anfang , Anfragen , Anrede , Anreden , Ansprache , Anwalt , Arbeitet , Arbeitsplatz , Arenas , Arndt Leipzig , Art , Attitüde , Aufeinandertreffen , Auffassung , Ausländer , Ausnahme , Ausrede , Bayern-Barometer , Béda Teixeira , Beginnt , Beispiel , Bekommt , Benedikt Wagner , Benutzen , Beobachtet , Berliner , Besch , Betont , Bett , Beziehung , Biologe , Bleibt , Bremen , Bringt , Can You , Carlo Sport , Chris Paar , Claudia Tanja , Daniel Animati , Daniel Brodmeier , Daniel Craig , Daniel Ducruet , Daniel Endres , Daniel Esinosa , Daniel Fernandes , Daniel Frahn , Daniel Fritzsche , Daniel Gammert , Daniel Goldstein , Daniel Graf , Daniel Hain , Daniel Hershkowitz , Daniel Jaspersen , Daniel Kane , Daniel Keel , Daniel Kosakowski , Daniel Kuper , Daniel Latkowski , Daniel Lenz , Daniel Martin , Daniel Max , Daniel Narcisse , Daniel Nestor , Daniel Opare , Daniel Passarella , Daniel Passon , Daniel Pedrosa , Daniel Radcliff , Daniel Radcliffes , Daniel Reiche , Daniel Richter , Daniel Richters , Daniel Royer , Daniel Schlang , Daniel Schulz , Daniel Schwaab , Daniel Schweizer , Daniel Shechtman , Daniel Siebert , Daniel Silva , Daniel Sobkova , Daniel Sousa , Daniel Sturridge , Daniel Wagner , Daniel Williams , Daniel Zacher , Deutsch , Deutsche , Deutschen , Deutschland , Diener , Dieter Wagner , Differenzierung , Distanz , Dreikäsehoch , Duzen , Eberhard Wagner , Einfacher , Ellen Allgurin , Ellen Deutschland , Ellen Johnson-Sirleaf , Ellen Page , Ellen White , Ellen WhiteSchiedsrichterin , Eltern , Emil Berliner , Entstehen , Erhard Wagner , Erinnert , Erklärt , Erzählt , Essen Eltern , Falsch , Familie , Feiner , Fernsehen Anfang , Fernsehen Internet , Form , Frage , Gaal , Gegenden , Gegenüber , Genau , Genossen , Gert Wagner , Gesellschaft , Gesellschaftliche , Gewisse , Gewöhnung , Gilt , Gleichgesinnte , Gonzalez Spanien , Greg Van , Großeltern , Grundsätzlich , Gucken , Gut , Häufig , Heranwachsenden , Herbert Werner , Herman Van , Herren , Hierarchie , Hierzulande , Horst Lutz , Idee , Ikea , Ingo Wagner , Institut , Internet , Internet-Marktstudie , Interview , Iren Daniel , Irgendwann , Irrtum , Isabelle Carré , Isabelle Fuhrman , Isabelle Prévost-Desprez , Isabelle Wiedemeier , Isabelle Wolf , Jack Wagner , Jahre , Jahren , Jahrhundert , Jahrhunderts , Jan Wagner , Jasmin Wagner , John Leipzig , Jörg Werner , Jugend , Jungen , Jüngere , Käme , Katharina Born , Katharina Kühn , Katharina Mohs , Katharina Wagner , Katharina Zeh , Katholischen , Katja Riemer , Katja Schneider , Kennt , Kindern , Klingt , Knigge , Kollegen , Kolumbianerin , Kolumbien , Kolumbiens , Kompliziert , Kosenamen , Kräftig , Kuntzsch , Lässt , Lehrern , Lehrkräfte , Leipzig , Leuten , Liebe , Linken , Linken-Fraktionsvorsitzenden , Linken-Vorsitzende , Lockert , Lopez Kolumbien , Louis Blues0000000 , Louis Blues1010002 , Louis Blues2110027 , Louis Blues3120029 , Louis Blues42200413 , Louis Blues52300415 , Louis Clement , Louis Dale , Louis Gaal , Louis Leterrier , Louis Rams28 , Luc Van , Lutz Engelen , Lutz Gissmann , Lutz Kleveman , Lutz Kuntzsch , Lutz Wisotzki , Mannigfaltigkeit , Marco Höher , Mark Van , Mauri Spanien , Max-Planck-Institut , Menschen , Missverständnisse , Mister , Mitarbeiter , Mittelalters , Mitunter , Möglichkeiten , Musikszene , Muttersprache , Nachlesen , Nachnamen , Nah , News , Niedergeschlagen , Niederlanden , Niederländer , Niederländerin , Niederländische , Nike Wagner , Nord Amerikaner , Normalerweise , Paar , Papa , Partei , Partner , Per , Person , Peter Lutz , Pflegen , Polizisten , Produziert , Rae Beziehung , Rainer Werner , Rätsel , Recht , Rede , Regel , Regeln , Repertoire , Respekt , Richard Schiff , Richard Wagner , Robert Wagner , Rodriguez Kolumbien , Rückschritt , Rücksichtnahme , Rudi Georg , Rudi Hübner , Rudi Raschke , Rudi Zedi , Russische , Sandra Bingenheimer , Sandra Giltner , Sandra Hüller , Sandra Köppen-Zuckerschwerdt , Sandra Köppen-Zusckerschwerdt , Sandra Marinello , Sandro Wagner , Schiff , Schlafen , Schneller , Schreibt , Schützenverein , Selbstläufer , Simple , Sinnvoll , Situation , Slang , Sozialdemokraten , Soziale , Spanien , Spanien-Urlauber , Spanische , Spielwiese , Sport Boxer , Sport Bund , Sport Diät , Sport Ernährungs , Sport Gewalt , Sport Lazio-Trainer , Sport News , Sport Regeln , Sport Sprach , Sport Studenten , Sport Überzeugung , Sportlern , Sprach , Sprache , Sprachwissenschaftler , Spreche , Stammt , Status , Stellen , Stellung , Steve Wagner , Streitthemen , Studierende , Studium , Süddeutschen , Sueddeutsche , Tanja Ohlson , Tanja Schumann , Tanja Zakelj , Tatjana Henni , Tatjana Luschanska , Tatjana Lysenko , Tatjana Polnowa , Tatjana Zautys , Teil , Teuer , Theaterbühne , Thema , Thomas Wagner , Tobias Werner , Töchtern , Ton TonLagen-Programm , Trend , Trifft , Übergang , Üblich , Umfeld , Umgehen , Umschwung , Uni Basel , Uni Bremen , Uni Duisburg-Essen , Uni Göttingen , Uni Leipzig , Uni Michigan , Uni Potsdam , União , Universitäten , Unsicherheit , Unter-30-jährigen , Unterricht , Urban Art , Ursula Werner , Utøya , Van Avermaet , Van Gaal , Van Lac , Van Lent , Van Lierde , Van Rompuys , Vater , Verb , Verfügung , Verhältnis , Verloren , Versucht , Vertraut , Vertrautheit , Verwenden , Volljährige , Vornamen , Vorsichtshalber , Vorwarnung , Wagner Marie-Jane , Wagner Mary-Jane , Wagner Melika , Wagner Schmitz , Wagner Schülerin , Wagner Würselen , Wahre , Werner Adamek , Werner Grabosch , Werner Gross , Werner Holt , Werner Hoyer , Werner Leitner , Werner Lippert , Werner Otto , Werner Riedmann , Werner Schaus , Werner Schneyder , Werner Stankowski , Werten , Wiedemeier , Wiesbaden , Wissen , Witzig , Wolf Werner , You , Zeigen , Zeitung , Zone , Zweifellos ,
Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige