Von news.de-Redakteur Isabelle Wiedemeier
Es steht uns ins Gesicht geschrieben. Während wir unseren Körper bedecken, ist es bis auf Bärte und Brillen nackt. Und es verzieht und -zerrt sich, runzelt, schmunzelt und verliert die Fassung. 7000 Bewegungen zeigen, was wir fühlen oder versuchen, zu verstecken.
Mit Migranten kommunizieren - kurz Mimik. So hat eine Gruppe von Sozialpädagoginnen ihre Organisation genannt, in der sie den Umgang mit Migranten lehrt. Denn unsere Mimik, das ist die interkulturelle Kommunikationsform, die ohne Worte funktioniert. Lachen, Weinen, Zornesfalten und Schmollmünder - das ist unmissverständlich. «Zorn, Abscheu, Trauer, Freude, Angst und Überraschung sind nach dem heutigen Stand des Wissens universal», schreibt auch die Stuttgarter Professorin Margarete Payer in ihrer Studie über Nonverbale Kommunikation.
Doch nicht jeder Kulturkreis lässt die Emotionen den Weg in die Gesichtszüge finden. Gerade haben Forscher im Fachjournal Current Biology erklärt, warum die westliche Welt asiatische Gesichter oft als emotionslos empfindet: Asiaten drücken sich ausschließlich über die Augen aus.
«Sie sind am wenigsten zu kontrollieren», erklärt Samy Molcho. Der Österreicher israelischer Herkunft ist Pantomime, Choreograph und Regisseur, und er hat etliche Bücher über Körpersprache geschrieben – zuletzt Umarme mich, aber rühr mich nicht an. Weil die Augen der unverfälschlichste Ausdruck des Innenlebens sind, konzentrierten sich die Asiaten besonders darauf. «Sie haben genauso Muskeln wie jeder andere Mensch. Aber der soziale Kodex ist anders. Negative Gefühle darf man nicht zeigen, deshalb haben sie eine ständige Art von Lächeln. Das drückt sich auch dadurch aus, dass sie nicht «nein» sagen dürfen. «Vielleicht» heißt dann aber zu 70 Prozent «nein», erklärt Molcho.
Interkulturelle Missverständnisse in der Mimik sind laut Molcho vor allem durch gesellschaftliche Vorgaben bedingt. So ist es in vielen afrikanischen Kulturen tabu, einer hierarchisch höher gestellter Person in die Augen zu blicken. «Wenn in New York ein irischer Polizist einen Schwarzen befragt, und der schaut weg, denkt der Polizist: Er hat ein schlechtes Gewissen.» Deshalb könne Mimik auch eine Fremdsprache sein, sagt der Pantomime.
Was Molcho kulturell erklärt, ist für Judith Göller eine Lebenserfahrung. Sie kann am besten in den Augen ihrer Mitmenschen lesen: «Sie können unglaublich viel mitteilen: Entspannt, aufgeregt, fragend, zornig, freudig», schreibt sie in einer Email. Telefonieren kann man mit Judith Göller nicht: Sie kann nicht hören und ist damit umso mehr auf sichtbare Signale angewiesen. «Wenn ich unter den Gehörlosen bin und mit ihnen gebärde, wird viel Mimik gemacht. Das erleichtert die Kommunikation untereinander», schreibt sie. Hörende allerdings hätten nicht so ausdrucksstarke Gesichter, da sie viele Emotionen in die Stimme fließen lassen. «Ich kenne einige Hörende, bei denen es überhaupt keine Mimik im Gesicht zu sehen gibt.»
Richtig lesen kann auch Göller erst aus der Mimik, wenn sie einen Menschen kennt. «Man muss sich immer bemühen, zu erfassen, wie der gegenüber tickt, um die Gesichtszüge deuten zu können. Wo man sich keine Mühe gibt, da gibt es die meisten Missverständnisse», schreibt sie.
Der Kollege telefoniert konzentriert, blickt dabei auf den Monitor. Sein Gesicht ist unbewegt, er beißt sich zwischendurch auf die Lippe, zieht dann die Mundwinkel mit geschlossenen Lippen nach oben - er sucht, hat aber noch nicht das richtige gefunden und ist unzufrieden, verrät die Mimik. Sein Gegenüber beendet gerade einen Satz mit einem Flunsch, schiebt die Unterlippe vor. Aber das ist ein Show-Flunsch, er möchte bewusst Ratlosigkeit zum Ausdruck bringen.
Mimik sei die am stärksten beherrschte Form der Körpersprache, sagt Molcho. Zum Beispiel durch falsches Lächeln, bei dem die Augen starr bleiben. «Mit Hilfe von Videos oder einem gut geschulten Auge kann man jedoch Haarrisse im Verhalten wahrnehmen, bei denen die wirkliche Persönlichkeit heraustropft.» Irgendwie bricht letztlich immer die Wahrheit heraus, da ist Samy Molcho sicher. «Lügen kann der Körper nicht: Wer versucht, zu blockieren, funktioniert wie ein Automat. Aber er hat Gefühle. Und die können dann in unkontrollierten Formen ausbrechen.»
Judith Göller ist ein Fan von sprechenden Gesichtern. In ihrem Gehörlosenblog sammelt sie Bilder davon. Zum Beispiel die «politische Triumph-Mimik» von Hillary Clinton: Weit aufgerissene Augen, Pupillen nach unten gerollt, hochgezogene Augenbrauen, aufgesperrter Mund. Das Gesicht sieht aus, als stünde es kurz vor dem Zerreißen. «Yeah», scheint diese Frau zu schreien.
Ganz anders sieht «ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter» aus: «Die Gesichtsmuskulatur zieht sich herunter, das ist verbunden mit Energieverlust. Deshalb hat man auch schlechte Laune», erklärt Samy Molcho. Mimik könne nicht unabhängig vom ganzen Körper verstanden werden: «Es ist ein einfaches Prinzip: alles, was hinauf zieht, ist immer positiv, alles was hinunter hängt, negativ. Da hängt auch die Energie herunter. Eins zieht uns ins Grab, das andere hebt uns in den Himmel.» Hochgezogene Mundwinkel sind für ihn deshalb wie eine Schale, die alles in sich hält. Hängen die Winkel, rinnt es heraus. Traurig.
«Der Körper ist ein Resultat von inneren Empfindungen, der Handschuh der Seele», sagt Molcho. Die eigene Körpersprache kontrollieren zu wollen, findet er ganz falsch. «Wenn wir gut funktionieren, funktionieren wir immer unterbewusst, nicht analytisch», sagt der Pantomime. Viele Menschen seien der Ansicht, es gehe niemanden etwas an, wie es in ihnen aussähe. Ängste sind laut Molcho der Grund dafür. Dafür werde Energie verschwendet, die dann nicht für andere Chancen bereitsteht. «Ich muss mich nicht verschließen, ich bin stark genug, mich zu verkraften», sagt er.
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