Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner
Eine nebensächliche Alltäglichkeit. Um es mit einem Wort zu sagen: Es gibt Dinge, über die es sich lohnt - und wenn alle so denken, dann ist es meist schon zu spät. Denken Sie einmal genau darüber nach. Heute: das Glück.
Das Glück ist ein Teekannendeckel und liegt nicht auf der Straße. Entgegen aller Weisheit. Das Glück ist vielseitig und Meister im Tarnen und Täuschen. Gute Menschen machen das Glück, die einem endlich, nach Jahren, zum Geburtstag die Teekanne schenken, die man als Kind immer haben wollte. Das Glück ist mitunter Nostalgie. Und es ist kurz. Glück währet nicht lange. Manchmal nur so lange bis einem auf dem Weg vom Elternhaus in Bayern zur eigenen Wohnung in Sachsen der Teekannendeckel entgleitet.
Scherben bringen nicht immer Glück. Nicht Scherben des Deckels einer handgefertigten Teekanne. Pech gehabt, sagen die Teekannenverkäufer. Einzelne Deckel können sie nicht verkaufen, nur Teekanne mit Teekannendeckel.
Handgefertigt seien die guten Stücke, sagt der Hersteller. Auch er bietet nur Teekanne und Teekannendeckel im Doppelpack. Der Hersteller mag keine Massenware. Er fertigt nicht mehr als nötig. Pech ist nicht vorgesehen.
In der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten gilt das Streben nach Glück als individuelles Freiheitsrecht. Dieses Streben wird monatelanges Synonym für die deutschlandweite Suche nach genau dem einen himmelblauen handgefertigten Teekannendeckel. Dunkelblaue gibt es, zu kleine Himmelblaue, zu große Himmelblaue, perfekt passende Rote. Wer das Glück sucht, sucht oft vergebens.
Glück schafft Neider, Pech schafft Mitleid. «Lassen Sie uns ihre Telefonnummer da, vielleicht haben Sie ja Glück», sagen Teekannenverkäufer im ganzen Land. Glück ist die Kehrseite der Medaille. Ein Teehändler, müsste beim Auspacken der Ware ungeschickt sein, ihm müsste eine dieser wenigen handgefertigten himmelblauen Teekannen entgleiten und auf dem Boden zerspringen. Den Deckel müsste der erschrockene Teehändler dabei fest in der Hand behalten und die Telefonnummerdes Deckelsuchers immer noch im Block haben. Das ist die einzige Lösung.
Passt Glück in Wahrscheinlichkeitsrechnungen? An wie viele Teekannenverkäufer im Land muss man die Telefonnummer verteilen? Und wenn es eintritt das Glück, wie viele Kilometer muss man dann wohl fahren um eines Teekannendeckels willen? Nicht jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.
Glück ist kein Freund der Hoffnung. Glück und Hoffnung sind zwei kleine Jungs, die sich gegenseitig piesacken.
Lieber kommt das Glück auf leisen Sohlen. Wenn man es gerade nicht im Blick hat, oder schon mittendrin schwelgt. Unter der Sonne Italiens zum Beispiel, am Fuße des Vesuv, wenn das Handy klingelt. Telefonieren im Ausland ist teuer, Glück ist der kleine Freund der Neugier und der beste Freund des Zufalls. Die Vorwahl aus dem eigenen Geburtsort. Wer könnte das wohl sein. Gruß von früher?
«Grüß Gott, wir haben den Teekannendeckel», sagt der Teekannenverkäufer. Er freut sich, obwohl ihm vor kurzem beim Auspacken eine handgefertigte Teekanne entglitten sein muss. Die Himmelblaue auch noch, die manchmal monatelang gar nicht zu bekommen ist. «Wir heben ihn auf, bis Sie aus dem Italienurlaub zurück sind», verspricht er. Bayern und der Teekannendeckel liegen auf der Strecke nach Hause, was für ein Glück.
«Gelücke» ist Mittelhochdeutsch und bedeutet «Art, wie etwas gut ausgeht», Glück bezeichnet den günstigen Ausgang eines Ereignisses ohne eigenes Talent oder eigenes Zutun. Glück macht machtlos, Glück ist gerecht ungerecht. Vor dem Glück sind alle gleich.
bjm/news.de