Mo., 13.02.12

Postzugräuber begnadigt Ronnie Biggs bereut sein Leben nicht

Artikel vom 07.08.2009

Kurz vor seinem 80. Geburtstag ist der legendäre britische Posträuber Ronnie Biggs vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Grund sei sein schlechter Gesundheitszustand. Noch Anfang Juli wurde eine Begnadigung abgelehnt, da Biggs keine Reue gezeigt habe.

Unter Freiheit hat sich Ronnie Biggs wohl etwas anderes vorgestellt. Er ist ans Krankenbett gefesselt, kann nicht reden, nicht trinken, nicht essen.

Der britische Postzugräuber wird wohl weder seine Begnadigung noch seinen 80. Geburtstag am Samstag feiern können. Die letzten Wünsche des berühmtesten Räubers Großbritanniens bleiben vermutlich unerfüllt: Ein Pint Bitter in einem englischen Pub zu trinken und noch mal seinen Geburtsort in Südlondon zu besuchen. Nur einen Wunsch erfüllte ihm die britische Justiz in letzter Minute doch noch: In Freiheit zu sterben.

Kurz vor Biggs' Geburtstag legte Justizminister Jack Straw eine Kehrtwende hin und begnadigte den Mann, der am legendären Überfall auf den königlichen Nachtzug von Glasgow nach London beteiligt war. Grund: Sein schlechter Gesundheitszustand. Nur mit Hilfe eines Schreibbretts konnte Biggs mitteilen, er sei «überglücklich». Mit der Freilassung fällt nicht nur Biggs' Geburtstag zusammen, sondern auch der 46. Jahrestag des großen Postzugraubes. Doch an eine Ganovenlegende erinnert der greise Gauner wahrlich nicht mehr.

Am 8. August 1963 begann Biggs' Lebensgeschichte bizarr zu werden. Der gelernte Zimmermann überfiel zusammen mit einer Räuberbande den Nachtzug, aus dem sie Geldsäcke mit einem Wert von 2,6 Millionen Pfund davonschleppten, was nach heutigen Maßstäben umgerechnet rund 43 Millionen Euro wären. Der Raub ging als «Der große Postzugraub» in die Geschichte ein. Obwohl sie dem Zugführer Jack Mills eine Eisenstange über den Kopf zogen und der sich nie wieder von der Verletzung erholen sollte, galt die Tat eher als romantische Räuber-Anekdote denn als schweres Verbrechen. Biggs sei ein «Kleinkrimineller», ein kleines Licht der Bande, schrieb einst die Sunday Times.

Viel legendärer als der Überfall wurde aber das, was folgte: Die Bande wurde geschnappt, Biggs bekam 30 Jahre Haft. Doch nach 15 Monaten seilte er sich buchstäblich ab: Mit einer Strickleiter floh er aus dem Gefängnis, hüpfte durch ein Loch in einen Möbelwagen, setzte sich nach Paris ab und ließ sich dort sein Gesicht umoperieren. Mehr als 35 Jahre lieferte er sich von Australien über Brasilien ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden.

Um sich über Wasser zu halten, machte er Werbung für Alarmanlagen, sang für die Punk-Gruppe Sex Pistols das Lied No One Is Innocent (Niemand ist unschuldig) und auch für die Toten Hosen erhob er seine Stimme. Mit einem Papagei auf der Schulter posierte er vor deutschen Touristen - sie kannten die Posträuber-Story vor allem aus der Verfilmung Die Gentlemen bitten zur Kasse mit Horst Tappert.

2001 gab er sich dann schwer krank geschlagen und kehrte in die Heimat zurück - und kam sofort ins Gefängnis. Damals warf man ihm vor, er wolle nur das heimische Gesundheitssystem «melken».

Seit Jahren kämpfte sein Sohn Michael um eine Begnadigung, das Gezerre um die vorzeitige Entlassung nahm fast schon so bizarre Züge an wie Biggs' Leben selbst. Nach drei Schlaganfällen und Altersschwäche konnte man in dem Räuber keine öffentliche Gefahr mehr sehen - immer wieder lag er wie auch jetzt im Krankenhaus im ostenglischen Norwich. Doch die Justiz wollte ihn so schnell nicht wieder hergeben, schließlich hatte er sie so lange gefoppt. So lautete Straws Urteil Anfang Juli noch: Biggs bleibt in Haft - schließlich habe er nie Reue für die Tat gezeigt.

«Mein Vater hat genug Zeit abgesessen für seine Tat», sagte nun Michael Biggs. Reue sei etwas, das «man mit Priestern bespricht». «Mein Vater bereut, dass er an dem Postzugraub beteiligt war, aber er bereut nicht das Leben, das er danach gelebt hat.» Vorwürfen, Biggs bekomme nun ein Pflegeheim vom Staat bezahlt, entgegnete er: «Der Steuerzahler muss nicht länger drei Gefängniswärter bezahlen, die mit Metalldetektoren über meinen Vater wachen.»

Doch nicht alle befürworten Biggs' Freilassung - sei sie auch nur noch symbolisch. Biggs sei «kein Robin Hood», kritisierte Keith Norman von der Zugführer-Gewerkschaft. «Während der Schaffner des Postzuges im Krankenhaus lag, hat sich der Mann, der ihn angegriffen hat, ein schönes Leben in Südamerika gemacht. Das ist ganz klar ungerecht.» Biggs' Anwalt Giovanni Di Stefano erklärte hingegen, Biggs' Freilassung sei alles andere als ein Sieg: «Dieser Mann ist krank, er wird sterben. Er wird in keinen Pub gehen und nicht nach Rio, er wird im Krankenhaus bleiben.» Für den Sinneswandel der Regierung hatte er eine einfache Erklärung: «Er wird entlassen, um zu sterben.»

Weiterführende Links:

Postzugräuber: Gnadengesuch für Ronnie Biggs abgelehnt
Postzugräuber: Ronnie Biggs hofft auf seine Entlassung

iwe/jan/news.de/dpa

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