Hape Kerkeling hat das Interesse fürs Pilgern auf dem Jakobsweg geweckt. Doch die wenigsten wissen, dass Wanderer nicht nur in Nordspanien auf den Spuren des Apostels Jakobus wandeln können, sondern auch in Brandenburg. Rainer Oefelein hat das möglich gemacht.
Wenn Rainer Oefelein zu einem seiner ausgedehnten Spaziergänge durch das Kremmener Luch nordöstlich von Berlin aufbricht, bleibt er meist allein. Nur Kraniche, Wildgänse und gelegentlich ein Fischotter kreuzen seine Wege entlang von Schwemmwiesen und wilden Auen. Diese Einsamkeit bedauert der 73-jährige Oefelein allerdings: «Dafür, dass das älteste Naturschutzgebiet in Deutschland direkt vor den Toren Berlins liegt, könnte etwas mehr los sein», findet der pensionierte Architekturprofessor. Wünschen würde er sich vor allem mehr Pilger: «Mitten durch diese wunderbare Landschaft läuft zudem noch der einzige Jakobsweg Brandenburgs. Das müsste doch für einen Ausflug reichen», findet Oefelein.
Das Interesse von Oefelein an einer Pilgerbewegung in der ansonsten unberührten Natur kommt nicht von ungefähr. Denn der gebürtige Bayer hat den Jakobsweg, der nördlich von Berlin durch das Luch nach Bad Wilsnack führt, gemeinsam mit seiner Frau Cornelia selbst entdeckt und wissenschaftlich bewiesen. «Als wir vor sieben Jahren hier raus ins Luch gezogen sind, waren wir bereits leidenschaftliche Pilger. Hier haben wir dann angefangen, uns für die alten Routen in Brandenburg zu interessieren», sagt der sportliche Oefelein.
Dazu suchten er und seine Frau innerhalb eines Projektes an der Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität nach Spuren der Pilger entlang alter Handelsrouten. «Mit einer uralten Landkarte sind wir auf 184 Kirchtürmen in Brandenburg herumgeklettert», erinnert sich Historikerin Cornelia Oefelein. Tatsächlich wurden sie in der 700 Jahre alten Feldsteinkirche von Merker nahe Fehrbellin fündig. «Dort führte die alte Poststraße nach Hamburg vorbei, und in einer Glocke war das Pilgerzeichen von Bad Wilsnack eingelassen», erzählt sie.
Mit dem untertassengroßen Emblem aus der Hochzeit der Pilgerbewegungen Mitte des 15. Jahrhunderts war die Existenz des Brandenburger Jakobsweges von Berlin nach Bad Wilsnack bewiesen. «Anstelle von Muscheln wurden damals Symbole aus Zinnblei als Erkennungszeichen in die Glocken gegossen. Und Bad Wilsnack war wegen seines Bluthostienwunders ein wichtiges Ziel auf dem Jakobsweg nach Aachen, Rom und Santiago de Compostela», erklärt Rainer Oefelein, der den insgesamt 5000 Kilometer weiten Weg selbst schon gelaufen ist.
Der einzige spirituelle Wanderpfad Brandenburgs ist der Oefelein-Weg allerdings nicht. Seit 2007 führt ein zweiter von Studenten der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder konstruierter Weg durch den Osten des Landes. Die Route von Frankfurt über Müncheberg und Strausberg nach Bernau steht allerdings bei einigen Kirchenhistorikern im Verdacht, ein Etikettenschwindel zu sein. Es seien Fantasiewege ohne kirchlichen Bezug geschaffen worden, lautet der Vorwurf.
Auch Oefelein hat bezüglich der Echtheit des Viadrina-Weges als Pilgerroute seine Zweifel: «Jede Handelsroute könnte ein Pilgerweg gewesen sein. Ohne kirchliche Belege liegt es aber nahe, dass cleveres Marketing dahintersteckt.»
Gleichwohl ist auch die Westroute nicht frei von modernen Interpretationen. So stehen zwar die Kirchtürme als historische Landmarken fest, die heutige Streckenführung weicht aber in Teilen von den früheren Pilgerpfaden ab. «Bei der Rekonstruktion standen für uns Kriterien wie landschaftliche Reize, Sicherheit und Infrastruktur im Vordergrund», räumt Rainer Oefelein ein. Zugleich betont er, dass er im strukturschwachen Nordosten Brandenburgs dazu gezwungen war: «Man kann keine Strecke anbieten, bei der es über Feldwege und Bundesstraßen geht und auf 60 Kilometern weder ein Laden noch ein Bett in Sicht sind», sagt Oefelein.
Letztlich sei der Schönheitsfehler hinnehmbar, weil er einem größeren Ziel gewidmet sei. Oefelein sagt: «Wenn Menschen, die sonst weite Reisen machen, um zu wandern, sich für Brandenburg begeistern und der Tourismus etwas angekurbelt wird, ist mir das wichtiger.»
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